Spielarten des Kreationismus

Ich frage mich schon lange, was gemeint ist, wenn seitens der Kreationisten gefordert wird, man solle „beide“ Sichten in der Schule lehren („teach both sides“). Soll das heißen: Wissenschaft und Intelligent Design oder Wissenschaft und Junge-Erde-Kreationismus, oder was?

Wie vielfältig die Ansichten der Evolutionsleugner sind, wurde in den vergangenen Wochen durch einige Artikel im Internet verdeutlicht. Zunächst zum Islam:

Creationism, Minus a Young Earth, Emerges in the Islamic World
Kreationismus, ohne Junge Erde, kommt in der islamischen Welt auf.

Islam’s Darwin problem
Des Islams Problem mit Darwin

In diesen Artikeln, die sich auf eine Konferenz am Hampshire College beziehen, wird unter anderem Harun Yahya erwähnt, dessen Organisation auch weiterpubliziert, während er im Gefängnis sitzt. Er gibt sich sehr wissenschaftlich und erkennt den Urknall und das Alter der Erde an, nicht aber die Evolution. In einigen islamischen Ländern überwiegt eine andere Sichtweise, nämlich, dass die Evolution bei Tieren stattgefunden hat, aber nicht beim Menschen. Wo Muslime unter sich sind, ist Evolution ist kaum ein Thema. Aber im Westen nehmen sogar einige von ihnen den Junge-Erde-Standpunkt ein.

Als typischen Vertreter des YEC (Young Earth Creationism) würde ich Ken Ham vom Creation Museum bezeichnen. Ein eher ungewöhnlicher Vertreter wurde in den Scienceblogs vorgestellt:

Todd Wood talks (some) sense

Three Vignettes on Faith

Hier sind zwei Beispiele aus seinem eigenen Blog:

The Nature of Idolatry

The truth about evolution

Todd Wood ist ein YEC, gibt aber zu, dass viele Beobachtungen die Evolutionslehre unterstützen. Er meint, wenn man den Leuten erzählt, die Evolutionstheorie hätte keine Grundlage, und sie dann rausfinden, dass sie doch eine hat, fühlen sie sich betrogen und fallen vom Glauben ab. Er schlägt vor, trotz der widersprechenden Faktenlage die Bibel wörtlich zu nehmen. Dazu fällt mir „credo quia absurdum“ ein.

Die Ausrichtung der großen kreationistischen Organisationen Discovery Institute und Wort und Wissen kenne ich gar nicht so genau. Letztere bevorzugt wohl das Grundtypenprinzip. Evolution findet statt, aber nur im Kleinen. Zwar können neue Arten entstehen, aber keine neuen Organe.

Das Discovery Institute predigt das Intelligent Design, müsste also gar nichts gegen die Abstammungslehre haben, aber da bin ich mir nicht so sicher.

Auch die andere Seite ist nicht homogen. Es gibt bekennende Christen, die die Evolutionstheorie vehement gegen die Angriffe der Kreationisten verteidigen.

Ken Miller, der im Dover-Prozess brillierte

Francis Collins, der das Humangenomprojekt leitete

Graeme Finlay, der einen Vortrag Human Genetics and the Image of God ins Internet gestellt hat, dessen erste Hälfte mir sehr gefällt.

Unter den Atheisten gibt es verschiedene Meinungen, was davon zu halten ist. Einige finden, man solle auf keinen Fall was gegen den Glauben dieser „Verbündeten“ sagen, um sie bloß nicht zu verärgern. Andere meinen, dass man deren grundlegende Denkfehler sehr wohl thematisieren darf. Über das Appeasement der Accommodationists gibt’s auf der Darwin-Jahr-Seite der Giordano Bruno Stiftung ausführlich was zu lesen.

Die Evolution ist mit dem Glauben an einen Gott vereinbar. Aber, wissenschaftliches Denken ist nicht mit dem Glauben an einen Gott vereinbar, und die Evolution ist nicht mit der Bibel vereinbar. Denn dort steht:

Gott der HERR machte den Menschen aus einem Erdenkloß.

Nun werden die Gläubigen wieder denken: „typisch für die primitive atheistische Denkweise. Nur Atheisten und Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich“. Aber mir als Atheist ist durchaus bekannt, dass moderne Gläubige den Sinn der Worte ignorieren, um die Bibel weiterhin für heilig halten zu können. Die hohe Kunst der Bibelexegese besteht darin, sich selbst davon zu überzeugen, dass in der Bibel gerade das steht, was man gerne hätte.

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Eine Antwort zu Spielarten des Kreationismus

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