Haeckels Embryos

Karl Ernst von Baer

Karl Ernst von Baer schrieb an Charles Darwin, wie erstaunlich ähnlich sich Wirbeltierembryos sehen. Er hatte versäumt, zwei Gläser mit in Alkohol konservierten Embryos zu beschriften, und konnte sie nun nicht mehr zuordnen:

Ich kann absolut nicht sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen, kleine Vögel oder sehr junge Säugetiere sein, so vollständig ist die Gleichheit in der Form des Aufbaus von Kopf und Rumpf bei diesen Tieren.
Zitat nach Wikipedia

Die Tatsache, dass sich Wirbeltierembryos in einem frühen Stadium stark ähneln (Baersche Regel), wurde von Darwin korrekt als Hinweis auf die gemeinsame Abstammung interpretiert. Von Karl Ernst von Baer, der Darwins Evolutionstheorie ablehnte, stammen laut Wikipedia auch diese Zeichnungen (vor 1840):

Baer_embryos

Moment mal, wird da mancher denken, sind das nicht die berüchtigten Embryo-Zeichnungen von Ernst Haeckel? Fast.

edit 16.1.2010: Das obige Bild wurde in Wikipedia fälschlich K.E. von Baer zugeordnet. Es handelt sich wahrscheinlich um die Version von Romanes, bloß ohne Beschriftung.

Von Ernst Haeckel stammt diese Version (1874):

Haeckel_Anthropogenie_1874_480

Am bekanntesten ist wohl die Version, die George Romanes 1892 von Haeckel kopierte.

Die Biogenetische Grundregel

Haeckel übernahm nicht bloß von Baers Embryonentafel sondern baute auch die Baersche Regel zur Biogenetischen Grundregel aus: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.

Das heißt, das einzelne Tier wiederholt in seiner Entwicklung die Stammesgeschichte seiner Art. Ein Säugetier würde also ein Einzeller-, ein Fisch- und ein Amphibienstadium durchlaufen, bevor die Säugetier-typischen Merkmale auftauchen. Diese strenge Auslegung der Regel wird heute von allen Entwicklungsbiologen abgelehnt, aber einzelne Organe sind beim menschlichen Embryo tatsächlich zunächst wie beim Fisch. Bei Wikipedia gibt es Beispiele.

Haeckels Fälschungen und sein Geständnis

In PZ Myers‘ Blog Pharyngula kann man lesen, dass sich die Fälschungsvorwürfe nicht auf die bekannten Embryonentafeln beziehen, sondern auf Abbildungen der Embryos von Hund, Huhn und Schildkröte, für die Haeckel dreimal denselben Holzschnitt verwendete. Das ist vielleicht der einzige Fall, in dem man Haeckel absichtliche Schummelei vorwerfen könnte.

Aber auch in anderen Fällen hat er unbekannte Details in seinem Sinne ergänzt, weggelassen, was ihm unwichtig erschien, und hervorgehoben, was seine Theorien bestätigte. Im englischen Wikipedia wird ein frisierter Vergleich von Hunde- und Menschenembryos gezeigt.

Ein gewisser Hugo C. Jüngst erwähnt im Jahre 1910 ein Bild mit Affen als Beispiel für eine Fälschung. Er schreibt dazu:

Dass es sich bei der fraglichen Erklärung um die wiederholt erhobene Beschuldigung handelt, Haeckel’s Embryonenbilder, in denen er die lückenlose Entwicklung des Affen vom Menschen bildlich darstellte, seien gefälscht, wurde schon angedeutet.
(Quelle caliban.mpiz-koeln.mpg.de)

Dann zitiert Jüngst Haeckels „Entschuldigung“:

Um dem ganzen wüsten Streite kurzerhand ein Ende zu machen, will [ich, Haeckel] nur gleich mit dem reumütigen Geständnis beginnen, daß ein kleiner Theil meiner zahlreichen Embryonenbilder (vielleicht 6 oder 8 vom Hundert) wirklich (im Sinne von Dr. Braß) „gefälscht“ sind – alle jene nämlich, bei denen das vorliegende Beobachtungsmaterial so unvollständig oder ungenügend ist, daß man bei Herstellung einer zusammenhängenden Entwicklungskette gezwungen wird, die Lücken durch Hypothesen auszufüllen und durch vergleichende Synthese die fehlenden Glieder zu rekonstruieren.
(selbe Quelle)

Haeckel antwortet in Sandalion, dass seine „Entschuldigung“ keinesfalls ernst gemeint war:

Herr Jüngst hält also mein „Reumütiges Geständnis“ (a. a. O.) für ernst, und sieht nicht, daß es rein ironisch  ist – was aus dem ganzen Zusammenhang sich sofort ergibt und was jeder klar denkende Leser erkennen muß.
(Quelle caliban.mpiz-koeln.mpg.de)

Zu seiner Verteidigung zitiert Haeckel Professor Carl Rabl (Leipzig) (in der Frankfurter Zeitung vom 5. März 1909):

Von Fälschung und Betrug kann nie und nimmer die Rede sein; davon könnte nur gesprochen werden, wenn absolut naturgetreue Abbildungen zu anderen Schlüssen führten, als die Haeckelschen Schemata; dies ist aber nicht der Fall. Im Laufe der letzten 30 Jahre sind viele Tausende von Embryonen der verschiedensten Wirbeltiere durch meine Hände gegangen, und ich erkläre, daß sich Haeckels phylogenetische Deduktionen durch absolut naturgetreue Bilder weit besser und überzeugender beweisen ließen, als durch seine eigenen Schemata.
(selbe Quelle)

Haeckels Einfluss auf Darwin und Hitler

Selbstverständlich kannte Darwin Haeckel, aber der Einfluss war eher einseitig. Während Haeckel Darwins Evolutionstheorie begeistert aufnahm und in Deutschland bekannt machte, ist von Haeckels Gedanken nichts bei Darwin wiederzufinden. Die Argumentation der Kreationisten, dass gefälschte Zeichnungen von Haeckel die Grundlage der Evolutionstheorie bilden („He relied especially on Ernst Haeckel, a German biologist„, Dembski), ist völlig aus der Luft gegriffen.

Eine andere Behauptung der Kreationisten, Hitler hätte seine rassistischen Vorstellungen von Haeckel und von der Evolutionstheorie hergeleitet, ist ebenso unhaltbar. Haeckel taucht sogar 1935 in einer Liste der verbotenen Bücher auf:

6. Schriften weltanschaulichen und lebenskundlichen Charakters, deren Inhalt die falsche naturwissenschaftliche Aufklärung eines primitiven Darwinismus und Monismus ist (Häckel).

Hitler hat tatsächlich die Evolutionstheorie zur Begründung der Nationalsozialistischen Rassenhygiene herangezogen, aber dazu musste er sie missverstehen. In Mein Kampf spricht er von „dem Willen der Natur zur Höherzüchtung des Lebens überhaupt“ und widerspricht sich wenig später selbst:

Denn da das Minderwertige der Zahl nach gegenüber dem Besten immer überwiegt, würde bei gleicher Lebenserhaltung und Fortpflanzungsmöglichkeit das Schlechtere sich so viel schneller vermehren, daß endlich das Beste zwangsläufig in den Hintergrund treten müßte.

Das ist das Gegenteil der Evolutionstheorie. Hitler wollte nicht, dass man dem Zufall freien Lauf lässt und zusieht, wie sich sich das Geeignetste durchsetzt, sondern er wollte, dass sich nur die Menschen vermehren, die die Merkmale der seiner Meinung nach besten Rasse aufweisen.

Das entspricht der Tierzucht und bleibt, da es sich nur auf Menschen bezieht, im Rahmen der von den Kreationisten bestätigten „Mikroevolution“. Zudem ist der Gedanke, dass die Evolutionstheorie falsch sei, weil sie zum Nationalsozialismus geführt habe, ein non sequitur oder genauer ein Argumentum ad consequentiam.

Haeckels Embryos in modernen Lehrbüchern

Ich erinnere mich, dass im Biologieraum meines Gymnasiums Haeckels Embryonentafel im Großformat hing. Das Discovery Institute wirft den Schulen vor, weiterhin Lehrbücher mit Haeckels gefälschten Zeichnungen zu verwenden.

Die Reaktionen sind unterschiedlich. Miller und Levine ersetzen die Zeichnungen in ihrem Lehrbuch durch Fotos. PZ Myers erkennt im Lehrbuch von Starr & Taggart (2001) durchaus Haeckels Zeichnungen wieder, aber findet das nicht schlimm, weil sie nicht falsch sondern nur ungenau sind:

The fish in particular isn’t very accurate.

Insbesondere ist der Fisch nicht gerade genau.

Joshua Rosenau vom NCSE schreibt bezüglich der Abbildungen im Lehrbuch von Raven & Johnson:

You’ll note that, despite West’s claim that this is „a version of Haeckel’s drawings,“ they are actually quite different in their details. These are clearly redrawn photographs of actual embryos, and as such do not bear the taint of any errors Haeckel made, intentionally or otherwise.

Sie werden feststellen, dass sie, obwohl West behauptet, sie seien „eine Version von Haeckels Zeichnungen“, in ihren Details tatsächlich ganz anders sind. Sie sind ganz klar nachgemalte Fotos von echten Embryos, und enthalten als solche keine Fehler, die Haeckel absichtlich oder versehentlich machte.

Weil ich nicht nachvollziehen kann, welche Details in Haeckels Zeichnungen falsch und in Raven & Johnson richtig sind, habe ich bei Rosenau nachgefragt, ob vielleicht der kürzere Schwanz beim menschlichen Embryo gemeint ist, aber mein um zwei Jahre verspäteter Kommentar wurde nicht beantwortet. Ich habe auch einen emeritierten Biologieprofessor deswegen angeschrieben. Seine Antwort, dass er nicht die Zeit habe, die Qualität der Bilder in den Lehrbüchern zu beurteilen, deutet darauf hin, dass sie nicht auf den ersten Blick als falsch zu erkennen sind.

Wie schon gezeigt, hat Haeckel mehrere Zeichnungen in unzulässiger Weise seinen Vorstellungen angepasst, aber die Embryonentafeln gehören nicht dazu, weil er sie ja von von Baer kopiert hat.

edit 16.1.2010: Die Embryonentafel stammt nicht von von Baer. Da war ich einem Fehler in Wikipedia aufgesessen.

Es wäre interessant zu wissen, auf welche Merkmale die Kreationisten ihre Überzeugung stützen, die Embryonentafeln seien betrügerisch. Da es sich um schematische Darstellungen handelt, kann man nicht bemängeln, dass alle Embryos die gleiche Größe haben. Auch die gleiche Biegung der Körper dürfte in Ordnung gehen, wenn man diese bei der Präparierung beliebig ändern kann.

Harun Yahya schreibt unter die Gegenüberstellung eines Haeckel-Bildes und eines fast identischen „akkuraten Bildes“, dass große Teile von Organen bei Haeckel fehlen. Aber was man auf dem „akkuraten Bild“, dessen winzige Beschriftung nicht lesbar ist, zusätzlich erkennen kann, ist wohl der Dottersack, der in Haeckels beziehungsweise von Baers schematischen Zeichnungen weggelassen wurde.

Es läuft wohl darauf hinaus, dass die Zeichnungen nicht aussehen wie Fotos und deshalb von den Kreationisten für falsch gehalten werden. Für Jonathan Wells ist es am schlimmsten, dass die noch früheren Embryonalphasen weggelassen wurden, in denen sich die Arten stärker unterscheiden.

Zum Abschluss ein paar weitere Links. Nur der erste ist deutsch.

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Eine Antwort zu Haeckels Embryos

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