Kambrische Explosion

Was ist das Argument der Kreationisten?

Als Beleg für den biblischen Schöpfungsbericht oder den des Korans kann die Kambrische Explosion nicht dienen. Keines der beiden Bücher sagt, dass nach der Fertigstellung von Himmeln und Erde eine Milliarde Jahre vergingen, bis Einzeller auftraten, und dann nochmal drei Milliarden bis zum mehrzelligen Leben, welches allerdings zunächst ganz anders aussah als heute. Einige Kreationisten scheinen allerdings ernsthaft zu glauben, dass alle Lebewesen, die wir heute kennen, in einem Schöpfungsakt im Kambrium entstanden sind.

Ein Youtube-Video mit Jonathan Wells:
Die kambrische Explosion des Lebens war in der geologischen Geschichte eine dramatische Epoche. Für gewöhnlich wird diese Ära auf 530 Millionen Jahre vor unserer Zeit datiert – dokumentieren die äußerst gut erhalten gebliebenen fossilen Befunde, dass die Körper-Baupläne praktisch aller grundlegenden Tierstämme bereits auftraten und nicht schrittweise und langsam, wie es Darwin etwa vermutet hätte, sondern mit einer verblüffenden Plötzlichkeit.

Peng – treten die wesentlichsten Körperformen der Tiere in Erscheinung, in der Form, die sie auch in der Gegenwart besitzen.

Harun Yahya auf Darwinismus.com:
Aus früher Zeit als dem Kambrium gibt es keine Spuren von Fossilien, außer von Einzellern und einigen wenigen, primitiven, mehrzelligen Lebewesen. Alle Tierstämme erschienen vollständig ausgebildet und gleichzeitig während der extrem kurzen Zeit der kambrischen Explosion.

Discovery Institute auf Evolutionsglaube.de:
Im Fossilbericht erscheinen jedoch die meisten der großen Tierstämme fertig geformt zu Beginn der geologischen Periode, die als Kambrium bekannt ist, ohne fossilen Beweis, dass sie von einem früheren gemeinsamen Vorfahren abzweigten.

Es ist natürlich lächerlich, zu behaupten, dass die Stämme oder Baupläne „fertig“ gewesen seien, und auch das Wort „Peng“ beschreibt einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren nicht wirklich treffend. Das eigentliche Argument der Evolutionskritiker lässt sich ohne diesen offensichtlichen Unfug so formulieren: „Wir kennen keine plausiblen Vorläufer der kambrischen Tierwelt, also ist sie nicht durch Evolution entstanden“. Oder so:

„Wintery Knight“:
Darwin expected to discover lots and lots of fossils leading up to the Cambrian explosion period that would show how all these phyla came into existence slowly over time. Unfortunately for the naturalistic evolutionists, the discoveries we’ve been making haven’t shown any hint of precursor fossils leading up the Cambrian explosion. …
I am willing to believe in evolution. But in order to get me to believe it, I insist on seeing a fossil record that shows the gradual emergence of phyla, one or two at a time, over hundreds of millions of years. That is what Darwinism predicts. We now have a solid record of what came before the Cambrian explosion. So where are the precursors?

Darwin erwartete die Entdeckung einer Unmenge von Fossilien, die der Kambrischen Explosion vorausgehen und zeigen, wie alle diese Tierstämme allmählich erscheinen. Pech für die naturalistischen Evolutionisten ist, dass die Entdeckungen, die wir seitdem gemacht haben, keinen Hinweis auf Vorgängerfossilien gebracht haben, die zur Kambrischen Explosion führten. …
Ich will gerne an die Evolution glauben. Aber bevor ich daran glaube, bestehe ich darauf, Fossilien zu sehen, die die allmähliche Entstehung der Tierstämme zeigen, nur einen oder zwei auf einmal, über hunderte von Jahrmillionen. Das ist es, was Darwin vorhersagte. Wir haben jetzt einen tragfähigen Fossilbefund der Zeit vor der Kambrischen Explosion. Also wo sind die Vorgänger?

Die Kreationisten geben bevorzugt ältere Quellen wieder, die auf Erklärungslücken hinweisen, welche längst geschlossen wurden, oder Details enthalten, die von der modernen Wissenschaft revidiert wurden (quote mining). Auch der Ausdruck „Kambrische Explosion“ ist eigentlich veraltet. Ich bezweifle, dass Darwin vermutete, dass die „phyla“ (Stämme) über Hunderte Millionen Jahre nacheinander entstanden wären, denn er schrieb:

On the Origin of Species:
The periods during which species have undergone modification, though long as measured in years, have probably been short in comparison with the periods during which they retain the same form.

Die Zeitabschnitte, während derer sich die Arten veränderten, waren, obwohl sie in Jahren gemessen lang erscheinen, wahrscheinlich kurz im Vergleich zu den Phasen, in denen sie ihre Form beibehielten.

Aber wenn er es tatsächlich geschrieben haben sollte, dann ist das eben heute nicht mehr der Stand der Evolutionstheorie.

Im Folgenden werden die in den Zitaten aufgestellen Behauptungen der Kreationisten untersucht:

  1. Alle Tierstämme“ erschienen in der Kambrischen Explosion
  2. in der Form, die sie auch in der Gegenwart besitzen“
  3. Dies geschah in einer „extrem kurzen Zeit“ mit einer „verblüffenden Plötzlichkeit“
  4. Wir haben einen aussagekräftigen Fossilbefund („solid record“) aus der Zeit davor
  5. Da gab es nur „Einzeller und einige wenige, primitive, mehrzellige Lebewesen“

Nach den Widerlegungen kommen

  • ein Abschnitt mit den Gründen für die Kambrischen Radiation
  • eine Einzelbetrachtung unseres der Stamms Chordata
  • und ein Schlusswort.

1. Alle Tierstämme?

Harun Yahya auf Darwinismus.com:
Alle Tierstämme erschienen vollständig ausgebildet und gleichzeitig während der extrem kurzen Zeit der kambrischen Explosion.

Warum werden Tierstämme betrachtet? Offenbar, weil diese Sicht eine Aufspaltung im Kambrium erkennen lässt. Das „Evolutionslehrbuch“ von Junker und Scherer ignoriert sogar, dass es eine gröbere Einteilung gibt:

Kapitel 14:
Das Tierreich wird in Stämme unterteilt, die Unterschiede zwischen den Stämmen sind also maximal; man kann sagen, die Stämme stehen für die größten Bauplanunterschiede.

Wenn man stattdessen Abteilungen oder Klassen betrachtet, findet die Radiation nicht im Kambrium statt sondern früher oder danach. Die größten Äste zweigen eben schon weit unten im Baum des Lebens ab, und sie sind zunächst einander viel näher als später. So „vollständig ausgebildet“, wie Harun Yahya schreiben ließ, sind sie jedenfalls nicht. Baupläne, die Flügel, Lungen oder Zweibeinigkeit vorsehen, kommen im Kambrium nicht vor, und auch keine Blüten oder Blätter.

Jenseits der Tierstämme (Phyla) sieht die Baumstruktur so aus. PZ Myers schreibt dazu:

im Blog Pharyngula
… these distinctions between the superclades almost certainly evolved before the beginning of the Cambrian.

Die Unterschiede zwischen diesen Gruppen entwickelten sich fast sicher schon vor dem Beginn des Kambriums.

Aber selbst für die Stämme gilt nicht, dass alle im Kambrium auftauchen. Einige Stämme sind schon im Präkambrium nachzuweisen: die Schwämme (Porifera), die Nesseltiere (Cnidaria) und wohl sogar die Chordatiere (siehe unten). Die Moostierchen (Bryozoa) tauchen, obwohl ihre Skelette gut versteinern, erst im Ordovizium auf. Der Stamm der Plattwürmer (Platyhelminthes), zu dem auch die interessanten Strudelwürmer gehören, ist erst im Trias durch Fossilien nachzuweisen. Trotzdem würden sowohl Kreationisten als auch Biologen zustimmen, dass es auch diesen Stamm schon im Kambrium gab. Man hat eben nicht für alles, was lebte, Fossilien.

2. In der heutigen Form?

Nicht nur aus der Zeit davor sondern auch aus dem Kambrium sind nur „einige wenige, primitive, mehrzellige Lebewesen“ bekannt. „Primitiv“ ist eben relativ. Die dort erscheinenden Tierstämme sind jedenfalls nicht „vollständig ausgebildet“. Es fehlen Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Insekten, überhaupt alle Landlebewesen, aber auch Tintenfische, Knorpelfische und Knochenfische. Muscheln und Brachiopoden sind ebenfalls zunächst nicht klar erkennbar:

Prof. Martin Brasier:
A rich fossil record of early animal remains has been discovered from near the end of the Ediacaran period at about 545 Ma to the appearance of calcified trilobites and echinoderms in the Chengjiang biota, some 520 Ma ago. This transitional period, variously known as the Tommotian or Fortunian Stage, contains examples of transitional forms. For example, Halkieria and Maikhanella are probable stem group ‘molluscs’ with multi-element shells; Eccentrotheca and Camenella are taken to be stem group ‘brachiopods’

Ein reicher Fossilbestand aus den Überbleibseln früher Tiere wurde für die Zeit vom Ende des Ediacariums vor 545 Millionen Jahren bis zum Erscheinen von Trilobiten und Stachelhäutern mit Kalkskelett in der Chengjiang-Faunengemeinschaft vor 520 Millionen Jahren endeckt. Diese Übergangszeit, Tommotium und Fortunium genannt, enthält Beispiele für Übergangsformen. Zum Beispiel sind Halkieria und Maikhanella wahrscheinlich Vorläufer (stem group) der Weichtiere (Mollusca) mit mehrteiligen Schalen; Eccentrotheca and Camenella werden als Vorläufer der Brachiopoden angesehen.

Es gibt also innerhalb des Kambriums eine Entwicklung. Die frühen Formen sind anders als die späteren und die späteren immer noch anders als die heutigen. Der kambrische Kopffüßer Nectocaris pteryx war mit nur zwei Fangarmen klar primitiver als moderne Tintenfische, und die modernsten kambrischen Fische gehören noch zu den Kieferlosen.

edit 12.07.2011: Nectocaris ist wohl doch kein Vorfahre heutiger Tintenfische. Aber dafür ist eine Entwicklung der Kopffüßer im Kambrium zu erkennen.

3. Peng

Die Kambrische Explosion ist weder ein wissenschaftlich anerkannter Begriff noch klar definiert. Enge Definitionen, die auf eine Dauer unter zehn Millionen Jahren kommen, decken entweder die Small Shelly Fauna aus dem Beginn des Kambriums oder die Vielfalt des Burgess-Schiefers nicht mit ab. Noch kürzer ist die Kambrische Explosion bei Jonathan Wells:

Darwin’s Dilemma:
The Cambrian Explosion was so short that it is below the resolution of the fossil record. It could have happened overnight. So we don’t know the duration of the Cambrian Explosion. We just know that it was very, very, fast.

Die Kambrische Explosion war so kurz, dass sie unter dem Auflösungsvermögen des Fossilbefunds bleibt. Sie könnte über Nacht passiert sein. Somit kennen wir die Dauer der Kambrischen Explosion nicht. Wir wissen nur, dass es sehr, sehr schnell gegangen ist.

So kann man das nur sehen, wenn man einen großen Teil des Fossilbefunds nicht kennt. Bei Wikipedia wird die Dauer der Kambrischen Explosion mit „bis zu“ 50 Millionen Jahren angegeben, was keine „extrem kurze Zeit“ ist. Nick Matzke kommt auf einen Zeitraum von 80 Millionen Jahren für die Entstehung der wichtigsten Wirbellosen-Stämme, wobei er auch einen Zeitraum vor dem Kambrium einbezieht:

Panda’s Thumb
The origin of the early members of the major invertebrate phyla is spread between the Precambrian Doushantuo and the Cambrian Atdabanian, spanning 80 million years.

Der Ursprung der frühen Vertreter der wichtigsten Wirbellosen-Stämme verteilt sich vom präkambrischen Doushantuo bis zum kambrischen Atdabanium über einen Zeitraum von 80 Millionen Jahren.

4. Präkambrische Fossilien

Was der eingangs zitierte „Wintery Knight“ als tragfähigen Fossilbefund („solid record“) bezeichnet, besteht aus etwa 50 Fundstellen, darunter einige mit hervorragendem Erhaltungszustand, die aber auch nur Mikrofossilien und Abdrücke enthalten, weil es noch keine zur Fossilisation fähigen Hartteile gab.

Phase contrast synchrotron X-ray microtomography of Ediacaran (Doushantuo) metazoan microfossils: Phylogenetic diversity and evolutionary implications – Chen et al.:
adult metazoans of the types that produced these embryos have yet to be discovered in Doushantuo-age rocks

Erwachsene Vielzeller der Arten, die diese Embryos erzeugten, wurden noch nicht im Gestein dieses Alters (Doushantuo, vor 590-565 Mio. Jahren) gefunden.

Man hat also Embryos gefunden, zu denen die erwachsenen Fossilien fehlen. So lückenhaft ist der Fossilbericht. Dennoch ist er nicht so leer, wie Harun Yahya meint:

Aus früher Zeit als dem Kambrium gibt es keine Spuren von Fossilien, außer von Einzellern und einigen wenigen, primitiven, mehrzelligen Lebewesen.

Ich weiß nicht, was mit „keine Spuren von Fossilien“ gemeint ist, aber es gibt Fossilien von Spuren, die wahrscheinlich von Gliedertieren stammmen. Im Bestreben, die Kambrische Explosion besonders eindrucksvoll erscheinen zu lassen, übergeht Harun Yahya die Ediacara-Fauna am Ende des Präkambriums.

Björn Kröger
Demnach gibt es erste Hinweise auf planktonische metazoen-artige Lebewesen seit etwa 635 Mill Jahren. Erste Spurenfossilien, die auf mobile kriechende Tiere hinweisen und erste fossile Tiere mit mögliche Organen (triploblastische Tiere) seit 555 Mio Jahren.

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Beschreibungen präkambrischer Fossilien, dass es sich um Vertreter oder Vorläufer einer der bekannten Gruppen handeln könnte, aber man es nicht sicher sagen kann. Zur Schwierigkeit der Interpretation von Abdrücken und Spuren kommt die Ähnlichkeit der sich gerade erst auseinander entwickelnden Tiergruppen hinzu.

Martin Sauter
Durch neue Funde, die mittlerweile an über 40 Fundstellen rund um die Welt gemacht wurden, zeichnet sich aber das Bild ab, dass die Ediacara Welt doch tierisch ist. …
Da aber einige Wesen der Ediacara Fauna auch noch in Kambrischen Sedimenten, die weitaus feinkörniger sind, überliefert sind, kommen heute die meisten Wissenschaftler wieder zu dem Schluss, dass die Ediacara Formen einfache Vorläufer der Kambrischen Tiere sind.

5. Präkambrische Lebewesen

Wie gesagt, sind die Fossilfunde schwer einzuordnen:

Wikipedia:
Sollte es sich bei Kimberella tatsächlich um ein Weichtier und somit um ein Urmundtier handeln, dann hätten sich nicht nur die Tierüberstämme der Urmünder (Protostomia) und die Neumünder (Deuterostomia) bereits einige Zeit vor 555 Millionen Jahre und damit dem Beginn des Kambriums (Grenze Ediacarium/Kambrium: 542 Millionen Jahre) evolutionär auseinander entwickelt, sondern auch die Tierstämme der Weichtiere und der Annelida/Arthropoda, die derzeit als Schwestergruppen interpretiert werden.

Interessanterweise geben versteinerte Embryos, die erst 2009 beschrieben wurden, am meisten Aufschluss:

Chen et al. abstract
The diversity of the embryos here studied suggests that the metazoan fauna of the Doushantuo may well have included animals of poriferan, cnidarian, and both protostomial (representatives possibly of basal protostome lineages) and deuterostomial affinity.

Die Unterschiedlichkeit der hier studierten Embryos legt nahe, dass unter den Vielzellern des Doushantuo (vor 590-565 Mio. Jahren) schon Verwandte der Schwämme, der Nesseltiere und sowohl der Urmünder (möglicherweise Vertreter grundlegender Urmel-Abstammungslinien) als auch der Neumundtiere waren.

Chen et al. full!
These embryos provide further evidence for the presence of bilaterian animals in the Doushantuo biota. Furthermore, these bilaterians had already diverged into distantly related groups at least 40 million years before the Cambrian radiation, indicating that the last common ancestor of the bilaterians lived much earlier than is usually thought.

Diese Embryos liefern weitere Hinweise auf Zweiseitentiere in der Doushantuo-Fauna. Zudem hatten sich diese Bilateria schon mindestens 40 Millionen Jahre vor der Kambrischen Radiation in nur noch entfernt verwandte Gruppen auseinander entwickelt, was bedeutet, dass der letzte gemeinsame Vorfahre aller Zweiseitentiere schon viel früher gelebt haben muss, als man bislang annahm.

Phoebe Cohen untersucht an der Harvard-Universität Mikrofossilien aus der Zeit kurz vor der Kambrischen Explosion und entdeckt dabei Dauereier von Krebstieren, ähnlich den Urzeitkrebsen, die mal einem Yps-Heft beilagen.

Harvard News:
After examining hundreds of samples of these fossils, called acritarchs, and comparing them with both algae and the eggs of modern and fossil crustaceans — a group that includes shrimp — Cohen has come to a different conclusion. Rather than being algae, they most closely resemble a specialized egg created by modern crustaceans — called a resting stage — that is able to lie dormant for years waiting for favorable conditions before hatching.
If that is the case, the creatures that created those microfossil eggs would be tiny, but complex animal life, a potential precursor for the rapid diversification that followed.

Nachdem sie Hunderte Exemplare dieser Acritarch genannten Fossilien untersucht und sie sowohl mit Algen als auch mit den Eiern moderner und fossiler Krebstiere verglichen hatte, kam Cohen zu einer neuen Schlussfolgerung. Sie ähnelten weniger den Algen sondern mehr einem besonderen Ei der modernen Krebstiere, der Zyste, die jahrelang im Ruhezustand auf günstige Verhältnisse warten kann, bevor sie sich weiterentwickelt.
Falls das zutrifft, wären die Kreaturen, die solche Mikrofossil-Eier gelegt haben, kleine aber komplexe Tiere und Vorläufer der folgenden Radiation.

Woran hat’s gelegen?

Als man nur eine Fundstelle kannte, den Burgess-Schiefer, war die Kambrische Explosion vor allem ein Artefakt des unvollständigen Fossilbefunds. Inzwischen kann man die Entwicklung besser nachvollziehen, und die relativ schnelle Zunahme der Vielfalt hat tatsächlich stattgefunden. Die Qualität der Fundstellen spielt natürlich weiterhin eine Rolle:

Nick Matzke
… we have no similar locality with extraordinary preservation during the first two stages of the Cambrian. If we did, we might see a soft-bodied pre-trilobite arthropod with the precursor of the compound eye, as well as other transitional fossils.

Wir haben in den ersten beiden Phasen des Kambriums keine Fundstellen mit so einer außergewöhnlich guten Fossilerhaltung [wie Chengjiang und den Burgess-Schiefer]. Sonst würden wir wohl einen weichschaligen Vor-Trilobiten mit einem Vorläufer des Facettenauges und andere Transitionsfossilien finden.

nochmal Phoebe Cohen
The events occur at a time when the Earth’s atmosphere was growing richer in oxygen, which may have opened the door to larger-bodied creatures. Those first animals, Cohen said, may have predated the time of the Cambrian Explosion itself but be absent from the fossil record because their soft tissues weren’t preserved. Only later, when hard parts evolved, would they appear relatively suddenly as fossils.

Dies geschah zu einer Zeit, als der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre zunahm, was die Tür für größere Lebewesen geöffnet haben könnte. Die ersten dieser Tiere, sagte Cohen, dürften vor der Zeit der Kambrischen Explosion gelebt haben aber im Fossilbefund fehlen, weil ihr weiches Gewebe nicht erhalten blieb. Erst als später Hartteile entstanden, würden sie recht plötzlich als Fossilien auftauchen.

Universität Bielefeld, 07.10.2009
Als Ursache für die Erhöhung der Kalziumkonzentrationen postulieren die Forscher ein tektonisch-geologisches Ereignis. Ihrer Ansicht nach könnte diese geologisch induzierte Erhöhung des marinen Kalziums und die damit einhergehende Aggregation von einzelligen Lebensformen zu mehrzelligen Organismen der eigentliche Schlüssel für die kambrische „Explosion des Lebens“ sein.

Es kamen also einige Faktoren zusammen. Der höhere Sauerstoffgehalt ermöglichte größere Tiere, und die Zunahme an Kalzium ermöglichte Panzer, Stacheln und Knochen, die nicht nur mehr Fossilien hinterließen sondern auch ein Wettrüsten der Jäger und Gejagten zur Folge hatten. Aus dem Ediacarium kennt man keine Fossilien mit Bissspuren. Die Freiheit, neue Formen hervorzubringen, wurde im Kambrium durch die stärkere Konkurrenz für die Zukunft eingeschränkt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Evolution lange Zeiten geringer Veränderungen durch kürzere Umbruchsphasen unterbrochen werden (Punctuated equilibrium). Man könnte sagen, dass es erst eine Ediacara-Explosion gab, dann die kambrische und danach eine ordovizische, jede artenreicher als die vorige.

Chordatiere

Harun Yahya:
Chinesische Paläontologen in Chengjang entdeckten die Fossilien zweier Fischarten aus dem frühen Kambrium, die etwa 530 Millionen Jahre alt waren. Dies bewies ohne jeden Zweifel, dass neben allen anderen Abteilungen auch die Unterabteilung der Wirbeltiere bereits im Kambrium lebte, ohne dass sie irgendwelche Vorfahren gehabt hätte.

Gemeint sind Haikouichthys ercaicunensis und Myllokunmingia fengjiaoa. Sie beweisen, dass es im Kambrium primitive Fische gab, aber nicht, dass die Wirbeltiere keine Vorfahren hatten. Harun Yahya (bzw. sein Ghostwriter) hat es nicht so mit der Logik. Den Erfolg der Evolutionsbiologen, Vorgänger der Fische gefunden zu haben, deutet er frech in eine Niederlage um, weil nun angeblich deren Vorfahren fehlen. Im Kambrium lebten folgende Chordatiere, die für mich alle gleich aussehen:

  • Haikouichthys ercaicunensis,
    530 Mio Jahre alt, Wirbeltier, Agnatha (Kieferlose)
  • Cathaymyrus diadexus, C. haikoensis,
    530 Mio Jahre alt, Cephalochordata (Schädellose)
  • Haikouella lanceolata,
    524 Mio Jahre alt, wirbeltierartig
  • Myllokunmingia fengjiaoa,
    524 Mio Jahre alt, Wirbeltier, Agnatha (Kieferlose)
  • Pikaia gracilens,
    520 Mio Jahre alt, Cephalochordata (Schädellose)

Wir haben also die zu erwartende Abfolge Schädellose -> Kieferlose, und somit doch einen möglichen Vorfahren von Haikouichthys und Myllokunmingia, und dann wieder einen Schädellosen, Pikaia, was keinen Widerspruch darstellt; schließlich gibt es auch heute noch das schädellose Lanzettfischchen. Zudem gibt es im South Australian Museum ein namenloses (?) Chordatier aus dem Präkambrium:

South Australian Museum
The world’s oldest known fossil chordate, from the Ediacara biota of the Flinders Ranges, South Australia, is now at the South Australian Museum.

Das älteste bekannte Chordatier-Fossil der Welt, aus der Ediacara-Fauna von Flinders Ranges, Südaustralien, befindet sich jetzt im South Australian Museum.

Die Einordnung dieses Fossils als Chordatier war zunächst umstritten, scheint aber mittlerweile bestätigt zu sein:

Ian Musgrave
… there are now 18 of these fossils described, preserved in every possible orientation, so they know it is not a frond animal, but a fossil of the first chordate.

Es wurden inzwischen 18 dieser Fossilien beschrieben, die in allen möglichen Positionen versteinert sind. Deshalb weiß man nun, dass es kein Farnwedel-Tier ist sondern ein Fossil des ersten Chordatieres.

Damit wäre auch diese Behauptung widerlegt:

Harun Yahya:
Wie zu Beginn erwähnt, ist einer der Stämme, die im Kambrium auftauchten, der Stamm der Chordatiere

Der Stamm Chordatiere, der im Kambrium nicht über kieferlose Fische hinauskam, hat vor allem im Unterstamm Wirbeltiere seitdem eine Vielzahl an Formen hervorgebracht, so dass man wirklich nicht sagen kann:

vollständig ausgebildet, fertig geformt, in der Form, die sie auch in der Gegenwart besitzen.

Schlusswort

Jerry Coyne meint, die Kreationisten müssen zugestehen, dass die wissenschaftlichen Datierungen funktionieren, damit sie die Kambrische Explosion als Argument verwenden können. Dem stimme ich nicht zu. Man muss nicht den einen oder anderen Teil der etablierten wissenschaftlichen Sichtweise anerkennen, um einen inneren Widerspruch darin nachzuweisen.

Wenn es wirklich so wäre, dass wir die Tierwelt vor der Kambrischen Explosion genau kennen und dort keine plausiblen Vorläufer der späteren Tierstämme vorkommen, hätte die Evolutionstheorie ein Problem – jedenfalls zu Beginn. Die wahrscheinlichste Erklärung wäre dann, dass die Fauna des Kambriums irgendwie auf die Erde gelangt wäre. Die Beweise für eine von da an stattfindende Evolution wären immer noch überzeugend.

Die oben erwähnten Zysten (Dauereier) aus dem Ediacarium zeigen gleich zweierlei. Zum einen, dass wir die Tierwelt vor dem Kambrium nicht vollständig kennen, denn es fehlen ja Fossilien der Adultformen, zum anderen, dass es eben doch komplexe präkambrische Vielzeller gab, die als Vorfahren heutiger Tiere infrage kommen.

In den Kommentaren auf Pandasthumb.org vermutet jemand, dass die Kreationisten reagieren werden, indem sie die „Explosion“, die ja schon vom Burgess-Schiefer an den Beginn des Kambriums geschoben wurde, nun ins Präkambrium verlegen. Dort herrscht noch genug Unklarheit, um ihrem Argument Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Spiegel online
Da die Sedimentschichten auf ein Alter von bis zu 751 Millionen Jahren datiert waren, könnten sogar schon zu jener Zeit Hornkieselschwämme die seichten Küstengewässer besiedelt haben. „Wir glauben, langsam das richtige Datum zu finden, wann sich komplexe, mehrzellige Tiere entwickelt haben“, sagte Love. „Es war im flachen Wasser vor 635 bis 750 Millionen Jahren.“

Nachtrag 4.7.2010

Mit neuen Fossilfunden verschiebt sich die Entstehung komplexer Mehrzeller immer weiter zurück. Im afrikanischen Gabun hat man 2,1 Milliarden alte Versteinerungen von mehrere Zentimeter großen Mehrzellern gefunden, die allerdings keine Verwandtschaft mit heutigen Lebewesen erkennen lassen. Auch zu dieser Zeit hat es einen Anstieg der Sauerstoffkonzentration gegeben.

Links: Spiegel online, Scinexx, Nature, Nature News, Chris Rowan, Ed Yong.

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Eine Antwort zu Kambrische Explosion

  1. Pingback: 2010 | kěrěng

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