Falsche Vorstellungen über die Evolutionstheorie

Ein gewisser MrFernsehkritik hat auf YouTube ein Video mit dem Titel ICH habe da mal ne Frage. Heute: „Evolutionstheorie“ eingestellt. Seine Fragen beruhen auf falschen Vorstellungen über die Evolutionstheorie, und ich wollte sie gerne beantworten, aber er hatte mich vorsorglich als Kommentator geblockt. Deshalb schreibe ich meine Antwort stattdessen hier ins Blog.

Lieber MrFernsehkritik,

vor einer Woche hast du ein Video eingestellt:  ICH habe da mal ne Frage. Heute: „Evolutionstheorie“.

Leider hast du mich (aus Angst vor aufklärender Information?) als Kommentator geblockt, so dass ich dir deine Fragen dort nicht beantworten kann.

Offenbar hast du von der Evolutionstheorie nur in Schlagworten gehört und dich nicht wirklich damit beschäftigt. „Der Mensch stammt vom Affen ab“ ist schon so eine Aussage, die populär, aber nicht wissenschaftlich ist. Das hört sich ja so an, als ob es bloß einen Affen oder eine Affenart gäbe und als ob der Mensch kein Affe wäre.

Tatsächlich hat der Mensch mit jedem Tier gemeinsame Vorfahren, und die letzte Trennung der Abstammungswege war die vom Schimpansen. Letzteres lässt sich anhand der Überbleibsel von endogenen Retroviren in der DNA sogar beweisen. Weil der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse auch den Affen zuzurechnen ist, ist die Aussage „Der Mensch stammt vom Affen ab“ nicht ganz falsch.

Die „verbreitete Meinung: der Stärkere überlebt“ vereinfacht hingegen zu sehr. Hast du eine Quelle, wo das von Evolutionsbiologen so geäußert wird? Es gibt zwar viele Tierarten, bei denen der Fortpflanzungserfolg davon abhängt, ob ein Männchen sich gegen Rivalen durchsetzen kann, aber für Pflanzen und Bakterien ist „der Stärkere überlebt“ sinnlos, es sei denn, man legt „Stärke“ sehr weit aus, so wie in „starke Abwehrkräfte gegen Krankheiten“.

Korrekt lautet der Satz „der am besten Angepasste überlebt“ (Survival of the Fittest). Der Grad der Anpassung an die Umwelt, wird an der Anzahl der überlebenden Nachkommen gemessen. Das „Survival of the Fittest“ kann also gar nicht falsch sein.

Dann hattest du noch ein Problem mit „fressen und gefressen werden„. Hältst du das auch für einen Lehrsatz der Evolutionstheorie? Darwin hatte korrekt beobachtet, dass jede Tier- oder Pflanzenart bald die Erde überfluten würde, wenn jeder Nachkomme überlebt und selbst wieder Nachkommen bekommt, die wieder alle überleben und so weiter. Es muss also ein vorzeitiges Sterben geben, und sein Gedanke war, dass es nicht ganz zufällig ist, wer stirbt, sondern dabei nur minimal unterschiedliche Individuen besser oder schlechter abschneiden, und dass diese Unterschiede vererbt werden. Evolution ist einfach logisch.

Als Beispiel für schwache oder nicht perfekte Lebewesen hast du Einzeller angegeben. Das ist Unfug. Ganz am Anfang hat es sicher mal Einzeller gegeben, die der heutigen Konkurrenz nicht gewachsen wären, aber die heutigen Einzeller sind erfolgreich und nicht weniger perfekt als Adler. Eher könnte man sagen, der Mensch ist nicht perfekt, weil er für die Verdauung auf Einzeller angewiesen ist.

Der Weg der Evolution führt über Mutanten, aber nicht über Krüppel. Jedes Lebewesen ist ein Mutant, und für gewöhnlich erfolgen die Veränderungen in so kleinen Schritten, dass man sie innerhalb einer Generation kaum bemerkt. Als den von dir verlangten „halben Adler“ könnte ich einen Einzeller mit Zellkern anbieten, weil er den wichtigsten Schritt zum Adler schon hinter sich hat, oder einen Wurm, weil er schon mehrere Zellen hat, oder einen Fisch, weil er schon eine Wirbelsäule hat, oder einen Salamander, weil er Beine hat, oder Archaeopteryx, weil er den besonders interessanten Übergang von Dinosauriern zu Vögeln illustriert.

Archaeopteryx hatte Federn und Flügel, konnte aber nicht wie ein Vogel fliegen. Zähne, Finger und ein langer köcherner Schwanz zeigen seine Nähe zu Dinosauriern. Das ist ein Musterbeispiel für einen „Mutanten“ und einen „halben Adler“, und trotzdem war es natürlich ein lebensfähiges Tier. Von einem zweibeinigen Dino kann man in winzigen Schritten zum Archaeopteryx kommen und von dort weiter in winzigen Schritten zum Adler, ohne jemals einen Krüppel in der Reihe zu haben. Zwischenformen von Wurm und Fisch und von Fisch und Salamander wurden übrigens auch gefunden.

Zu deinem anderen Video
„Evolutionstheorie! Die Wissenschaft kommt zu Wort“:

Zwischen Landtieren und Walen sind zahlreiche Übergangsfossilien bekannt, und auch heute gibt es ja Tiere, die unterschiedlich gut ans Leben im Meer angepasst sind: Marder – Otter – Seehund – Seekuh – Wal. Diese Liste hat nichts mit Abstammung zu tun, sondern soll nur zeigen, dass nicht nur die perfekte Anpassung an Land oder Meer überlebt sondern auch die teilweise.

Die Abstammung der Wale von Landtieren ist übrigens durch deren Gene für Geruchsrezeptoren bewiesen. Wale können nicht oder nur sehr schlecht riechen, aber haben Hunderte von Genen, die zur Wahrnehmung unterschiedlicher Gerüche in der Luft geeignet sind bzw. waren. Der größte Teil dieser Gene ist durch Mutationen deaktiviert wordern, was für die Wale nützlich ist, weil sie dadurch keine überflüssigen Proteine mehr herstellen.

Das, worüber du dich in deinen Videos so arrogant kaputtlachst, ist nur deine eigene Ahnungslosigkeit.

Schöne Grüße, kereng

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Hier sind die bisher bei blogage.de aufgelaufenen Kommentare:

Christian

Zwischenschritte, sexuelle Selektion, Entstehung eines Merkmals zu einem anderen Zweck mit umwidmung, dass alles wird gerne bei der Kritik an der Evolutionstheorie übersehen
Ben (Anonym)
vor 2 Jahren

Bei dem „Kritiker“ ist Kritik nunmal unerwüscht, selbst wenn er danach verlangt^^

Außerdem ist jeder mit einer anderen Meinung für MrFK ein bezahlter Lobbylist/Desinfoagent/… Irgendwie eine einzige Witzfigur der Typ.

Deinonychus

Ich frage mich wirklich was die beste sprachliche Formulierung ist um dieses nervige „der Mensch stammt vom Affen ab“ aus der Welt zu kriegen. Vielleicht ja „der Mensch hat einen letzten gemeinsamen Vorfahren mit Vorläufern der uns bekannten Menschenaffen“? Aber wenn man das so sagt blenden Laien wahrscheinlich trotzdem die vielen Formen (wie z.B. Australopithecus) aus, die ja erstmal durchlaufen werden müssen, bevor (relativ spät) etwas erscheint, was man mit „der Mensch“ bezeichnen könnte.

Evolutionsbiologen haben das Problem, unübersichtliche Stammbäume sprachlich stark zu verkürzen, wenn sie es jemandem begreiflich machen sollen, der keinerlei Vorkenntnisse hat. Das ist einer ihrer großen Nachteile gegenüber dieser drastischen (aber eingängigen) kreationistischen Vereinfachungs-Rhetorik.

Gerhard Altenhoff

Im Großen und Ganzen kann ich Deinen Ausführungen nur zustimmen. – Allerdings „setzt“ die Evolution tatsächlich auf Krüppel. Das Geheimnis verbirgt sich hinter dem Begriff „Neotenie“ (Verjugendlichung oder Emryonalisierung)). Breits Jonas & Jonas hatten vor rund 30 Jahren die lange Liste der neotenen Merkmale des Menschen aufgelistet und erläutert (Jonas&Jonas, „Signale der Urzeit“ 3. Auflage, Würzburg 2008, S. 94ff)

Bei der Neotenie scheint es so, als hätte die Evolution einfach „vergessen“, wie es weitergehen sollte. – So ähnlich wird es sich auch verhalten. Echte „behinderungen“ sind ndes die Ursache des „aufrechten Gangs“ und der Rachen. Der „aufrechte Gang“ wird dem Menschen nach der Geburt buchstäblich in den Rücken gedrückt, weil sich der Wirbel-„bogen“ zur Wirbel-„säule“ verkrümmt. – Der Mensch „Stieg nicht von den Bäumen herunter“, er hate vielmehr das Problem, nicht mehr schnell genug auf die Bäume zu kommen. – Das Problem löste sich allerdings in Luft auf, als nach Entstehung des ostafrikanischen Grabenbruchs die Savanne entstand.- Und in der Savanne war es heiß. – So heiß, daß auch die „nackte“ Haut keinen Nachteil mehr bot. – Die Parallelentwicklung ist der Nacktmull, der nur in den heißesten Gegenden Afrikas zu finden ist.

Da die Evolution auf jede Form von „Selektion“ verzichtet, der Druck vielmehr auf seiten der Fortpflanzung liegt (Reproduktionsdruck), ist Evolution eigentlich kein Problem, auch wenn die Krüppel Kinder kriegen.

Die seit Darwin durch die Evolutionstheorie geisternde „natürliche Zuchtwahl“ hat im Strom des Lebens keinen größeren Wert als der Widerstand im Stromkreis. – Darwins „Selektion“ ist das passive Element der Evolution. sie ist das Hindernis, das entweder übersprungen oder unterlaufen wird.

Auch der Rachen ist aus der Sicht eines Säugetiers eine erhebliche Behinderung. Nur der Mensch kann an einem Bissen ersticken, eben weil er einen Rachen hat.

Deinonychus

Tja, die Beschreibungssprache… daran kann man vieles erkennen.

–die Evolution „setzt“ nicht, „vergisst“ nicht, „verzichtet“ auch nicht auf Selektion (sehr angebrachte Anführungszeichen also)

–“Krüppel“ haben per se nichts mit Neotenie zu tun

–“setzte“ „die Evolution“ im Falle des Menschen auf „Krüppel“, da sie das Entstehen der Savanne schon kommen sah? Natürlich nicht.

Verkürzung und Metaphorisierung ist aus populärwissenschaftlichen Gründen manchmal geboten. Aber wenn die Sachen dadurch unklar bis falsch werden, ist niemandem geholfen.

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