Professor Schierwater über das Urmetazoon

Ende Januar 2009 wurde in der wissenschaftlichen Presse unter der Überschrift „Höhere Tiere stammen nicht von niederen Tieren ab“ die Forschung von Professor Schierwater und seinen Kollegen vorgestellt.

Mit „höhere“ und „niedere Tiere“ ist dabei etwas Bestimmtes gemeint, nämlich Zweiseitentiere (Bilateria) und Schwämme oder Nesseltiere. Die knackige Formulierung führte bei Kreationisten zu (absichtlichen oder unabsichtlichen) Missverständnissen, zum Beispiel: Neue Studie widerlegt Evolutionstheorie.

Daraufhin habe ich (reichlich spät) bei Professor Schierwater nachgefragt, und er hat geantwortet:

Sehr geehrter Prof. Schierwater,

wiederholt bin ich im Internet auf Kreationisten gestoßen, die eine Äußerung von Ihnen als Widerlegung der Evolutionstheorie (sogar der Deszendenztheorie) zitieren:

„Diese sehr überraschende Parallelentwicklung von niederen und höheren Tieren widerspricht einem bisherigen Grundprinzip evolutionsbiologischen Denkens, nämlich, dass sich komplexere Formen graduell aus einfacheren Formen ableiten.“ sagt Professor Schierwater „Hier müssen wir wohl umdenken.“

Zum Beispiel auf http://www.jesus.ch/index.php/D/article/164-Wissen_&_Fors…

Als Quelle des Zitats konnte ich die Pressemitteilung der Tierärztlichen Hochschule Hannover ausfindig machen. (Januar 2009)
http://idw-online.de/de/news297821 verbreitete die obige Aussage unter dem Titel „Unerwartete Evolution“ mit der Quelle:
Sonja von Brethorst, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Haben Sie das wirklich gesagt?

ja, aber völlig anders gemeint als jetzt von einigen interpretiert. Leider ein aus dem Kontext gerissener Satz.

Falls ja, wo ist der Widerspruch zwischen der Parallelentwicklung und der graduellen Zunahme an Komplexität?

kein zwangsläufiger Widerspruch. In diesem speziellen Fall jedoch widerspricht die Parallelentwickliung dem traditionellen Bild von linearer Zunahme in Richtung Urmetazoon-Nesseltier-Bilaterier (z.B.: von zwei auf drei Epithelien, von Gastrovascularsystem auf Verdauungshöhle mit Ein – u. Ausgang, von Nervenplexus auf ZNS, etc.).

War vielleicht gemeint, dass das „Urmetazoon“ bereits die grundlegenden Gene für Würmer und Quallen in sich trug?

Ja, die Placozoen besitzen alle grundlegenden Gene, die nachfolgend lediglich neu verschaltet und ggf. dupliziert werden müssen, um alle anderen Metazoenbaupläne generieren zu können.

Professor Schierwater hat also keinesfalls die Evolutionstheorie widerlegt sondern nur den Evolutionspfad Urmetazoon-Nesseltier-Bilaterier. Dabei ist und bleibt die Abstammung der heutigen Vielzeller von einem Ur-Vielzeller selbstverständlich. Es geht nur um die Details, ob der Ur-Vielzeller dem Placozoon Trichoplax adhaerens ähnelte, und ob sich die Bilaterier aus Schwämmen oder Nesseltieren oder eben direkt aus dem Urmetazoon entwickelten.

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Hier sind die bisher bei blogage.de aufgelaufenen Kommentare:

Deinonychus:

Die Schlussfolgerung am Ende gefällt mir nicht, aber da sind wir wieder beim Thema „sprachliche Verkürzung“. Den „Evolutionspfad Urmetazoon-Nesseltier-Bilaterier“ kann man ja nur „widerlegen“, wenn diese Formen so auseinander hervorgegangen sein sollen. Aber es stimmt z.B. einfach nicht zu sagen, dass man bisher (ausschließlich? überwiegend? manchmal?) geglaubt hätte, Bilaterier seien aus „Nesseltieren“ hervorgegangen (und die wiederum aus Schwämmen usw.). Hier werden rezente Formen aneinandergereiht, und das ist eben keine Evolution. Man kann nicht genug auf der Rede von den letzten gemeinsamen Vorfahren beharren (also z.B. letzte gemeinsame Vorfahren von Nesseltieren und Bilateriern, wobei diese Vorfahren mit heutigen Nesseltieren vllt. kaum Ähnlichkeit hatten).

Schierwater drückt sich seinerseits unklar aus mit „linearer Zunahme“ – von was? Er nennt nur morphologische Merkmale, aber da kann alles immer noch so gelaufen sein wie er es hier als „traditionell“ zurückweisen will. Sein rein genetischer Befund ändert daran nämlich erstmal gar nichts.

Das einzige was er „widerlegt“ hätte wäre also die Behauptung, dass es vom Urmetazoon zum Bilaterier eine erhebliche Zunahme von Genen gegeben haben müsste. Mehr nicht, aber das ist ja auch schon was.

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Eine Antwort zu Professor Schierwater über das Urmetazoon

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