Wenn zwei sich streiten …

Wie nennt man eigentlich auf Deutsch die „Accommodationists“?

Gemeint sind solche, die keinen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion sehen, weil sie eine ausgeklügelte (oder verwässerte) Religion vertreten, wobei Gott undefinierbar ist, und alle problematischen Geschichten der Bibel nur Menschenwerk und nur metaphorisch zu lesen sind.

Ich werde sie im Folgenden „Harmonisierer“ nennen.

Jerry Coyne, Autor von Why Evolution is True, hat vor zwei Wochen einen Blog-Artikel über die Dreiecksbeziehung von Atheisten, Fundamentalisten und Harmonisierern geschrieben, den ich hier übersetze.

Von hier an ist also „ich“=Jerry Coyne.


Ich liebe den Lärm einer Streiterei („catfight“) am Morgen, vor allem wenn zwei Christen beteiligt sind, die geifern und sich ereifern, wessen Theologie die bessere sei. Drüben bei The Christian Post attackiert Albert Mohler, Präsident des Southern Baptist Theological Seminary, religiöser Macher (so auch im englischen Original) und unverblümter Evolutionsleugner, die Harmonisierungstheologie von Karl Giberson mit dem Artikel „Science trumps the Bible?“ („Übertrumpft Wissenschaft die Bibel?“). Mohler ist genervt, weil Giberson (bzw. seine Organisation BioLogos) gesagt hat, eine Theologie wie bei Mohler, in der die Bibel als direktes Wort Gottes angesehen wird, sei primitiv und nicht durchdacht.

Mohler:
Coyne meint, religiöse Ideen seien altertümlich und gegen Verbesserungen resistent, und einzig die Wissenschaft sei qualifiziert, solche Verbesserungen zu finden. Giberson weist Coynes Argument, Religionen seien versteinerte Ideen, die nur widerstrebend dem wissenschaftlichen Fortschritt Platz machen, zurück und erwidert, dass Glaubensinhalte sich sehr wohl aus dem Inneren der Glaubensgemeinschaften heraus ändern und wissenschaftliche Erkenntnisse dabei häufig traditionelle Lehren verdrängen.

An dieser Stelle wird Gibersons Argumentation hochinteressant – und gefährlich. „Ich gestehe nur zu gerne ein, dass die Wissenschaft tatsächlich religiöse Aussagen über die natürliche Welt korrigiert,“ schreibt Giberson. „Galileo und Darwin haben es ganz klar gezeigt, auch wenn das Ken Ham und Al Mohler nicht wahrhaben wollen.“

Zählt mich ruhig mit zu denen, die nicht mitbekommen haben, dass die Wissenschaft mehr gilt als die Bibel, wenn es um die „natürliche Welt“ oder um sonst etwas geht. In seiner ursprünglichen Antwort auf Jerry Coyne formulierte Giberson sein Argument noch drastischer: „Die empirische Wissenschaft korrigiert in der Tat offenbarte Wahrheiten über die Welt, wie Galileo und Darwin nur zu klar gezeigt haben.“ Diese Aussage, mit der Erwähnung „offenbarter Wahrheiten“, ist noch schockierender.

Um es kurz zu sagen: Giberson wirft die Bibel unter die Räder der Wissenschaft. Wir sollten ihm dankbar sein, dass er sich so klar ausdrückt, weil damit die theistische Evolution ihr wahres Gesicht zeigt – als ein direkter Angriff auf die Autorität der Bibel.

Nun ist es nicht das reine Vergnügen, so viel Zustimmung von einem fundamentalistischen Evolutionsleugner zu bekommen. Harmonisierer bedienen sich gerne solcher Äußerungen um nachzuweisen, dass Atheisten im ihrem Dogmatismus den religiösen Fundamentalisten ähneln. Wir sind beide so schroff und unbeweglich, dass die richtige Strategie irgendwo in der Mitte liegen muss. Aber diese Sichtweise ignoriert die gewaltigen Unterschiede zwischen einem Mohler und einem wissenschaftlich denkenden Atheisten.

Mohler macht Wissenschaft und Glauben durch einen Zirkelschluss kompatibel: er lässt als wahre Wissenschaft nur das gelten, was nicht der Bibel widerspricht. Wenn unsere Erkenntnisse über die Evolution der wörtlichen Auslegung der Schöpfungsgeschichte widersprechen, dann ab in den Müll damit. Die Wissenschaft ist wohl blind hinsichtlich der Belege für die 6-Tage-Schöpfung, Adam und Eva und die Sintflut. Im Gegensatz dazu teile ich die Meinung derer, die Wissenschaft und Glauben für unvereinbar halten, weil die Herangehensweise an die Realität ganz unterschiedlich ist, wobei die Religion grundsätzlich unfähig ist, zur Erkenntnis beizutragen. Die Evolution ist eine Realität, aber Mohler und seine Anhänger sind durch ihren Glauben verblendet.

Aber das gilt auch für Giberson. Mohler und ich sind uns einig, dass Giberson nicht überzeugen kann, wenn er behauptet, sein eigener liberaler Gottesglauben sei theologisch reiner als Mohlers Baptismus. Zugegeben, Leute wie Giberson sind unsere natürlichen Verbündeten, wenn es darum geht, den Kreationismus von den Schulen fernzuhalten, und das ist auch gut so. Aber was die Anbetung eines Gottes angeht, für dessen Existenz es keine Anhaltspunkte gibt, oder die Verfechtung von Wundern wie der Auferstehung oder die endlosen amüsanten Versuche, Wissenschaft und Bibel unter einen Hut zu bringen (etwa durch die Diskussion der Bedeutung von Adam und Eva) unterscheiden sich Giberson und Mohler kaum. Wie P.Z. Myers sagt: „Notiz an BioLogos: zwischen den Verfechtern der Vernunft und denen von Aberglauben und Mythen die Mitte einzunehmen, ist kein guter Standpunkt. Es heißt ja nur, dass man auf halbem Weg zum Wahnsinn ist.“

Ist das hier nicht herrlich?

Mohler:
Gibersons Meinung nach ist jeder, der an der historischen Wahrheit der Bibel biblischen Texte festhält, einfach intellektuell zurückgeblieben und naiv. Ich frage mich, ob die Eltern, die ihre Kinder aufs Eastern Nazarene College schicken, eine Ahnung haben, was dort gelehrt wird – und dazu mit einer solchen Unverfrorenheit.

Im letzten Artikel seiner Serie bringt Giberson das Argument, dass der christliche Glaube „in einzigartigen historischen Ereignissen begründet“ sei, die „von der jungen Kirchengemeinde aufgezeichnet wurden, als sie versuchte, die Bedeutung ihrer Begegnungen mit dem auferstandenen Christus zu verstehen.“ Ist das die Summe von Gibersons Einschätzung der biblischen Inspiration – dass die Bibel lediglich die Versuche der frühen Kirche widergibt, in Christus und den „einzigartigen historischen Ereignissen“ eine „Bedeutung zu erkennen“?

Uns ist eines klar: Professor Giberson sagt, an die Wahrheit und Geschichtlichkeit der ganzen Bibel zu glauben, bedeutet, sich intellektuell ins Abseits zu stellen. Christen, die die Bibel als Autorität ernst nehmen, sollten über diese Worte sinnieren, auch wenn sie dabei im Abseits bleiben.

Die schwierigste Aufgabe der Harmonisierer ist nicht, Atheisten und liberale Gläubige zusammen zu bringen. Es ist ihr verrückter und vergeblicher Versuch, einen Glauben, der die Wissenschaft anerkennt, mit dem Glauben von Leuten wie Mohler in Übereinstimmung zu bringen. Alle Überredungskunst der Welt, so respektvoll und demütig sie daherkommen mag, wird die Fundamentalisten keinen Zentimeter bewegen, weil sie eben nicht so ahnungslos sind, wie Giberson denkt.


Ende des Zitats aus Jerry Coynes Blog

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