Mit wem hat sich der erste Mensch gepaart?

Ich werde von ab und zu ermahnt, doch nicht nur die ganz primitiven Kreationisten wie Harun Yahya aufs Korn zu nehmen sondern auch die seriöser daherkommenden Evolutionskritiker wie Wort und Wissen.

Das ist aber zum Einen schwieriger, und zum Anderen scheinen die Prediger umso mehr Zulauf zu haben, je schwächer ihre Argumente sind. Diesmal geht es um ein ganz dämliches Argument, das Pierre Vogel in einem Video bringt. Hier ist das Original, bei dem „MuslimALhamdullah“ die Kommentare deaktiviert hat. Der YouTube-User „PorscheZM“ hat das Video kopiert, um Kommentare zuzulassen. Von „TheSpiceyhater“ gibt es eine weitere Kopie.

Das Argument wurde fast gleichzeitig bei Panda’s Thumb behandelt:

Third question: If a reptile/bird evolved, wouldn’t it also need a reptile/bird to mate with to carry on the new species? If one, a male, for instance evolved, and no female evolved at the same time and in the same place, wouldn’t that end the cycle of macroevolution?

Pierre Vogel formuliert dieselbe falsche Annahme so (Minute 7:34):

Hier ist die Linie, wo dann durch sooo viele Zufälle dieser Mensch diese dieser Affe eine andr durch Mutation eine andere Art wird. Hier ist die Grenze. Jetzt wird er hier zum Affen. Jetzt muss er ja davon ausgehen, dass zur selben Zeit hundert oder tausend andere Affen plötzlich auch zum Menschen geworden sind. Sonst kann er sich ja nicht paaren.

Dabei übersieht Pierre Vogel, dass die Evolution in kleinen Schritten abläuft, und die nächste Generation sich von der vorigen kaum unterscheidet. Für gewöhnlich kann man davon ausgehen, dass auch über Hunderte von Generationen alle Männchen und Weibchen sich erfolgreich paaren könnten, wenn nicht der zeitliche Abstand dagegen spräche.

Es gibt kein klares Kriterium, wie man den Menschen von seinem letzten nicht-menschlichen Vorfahren unterscheiden könnte. Die von Pierre Vogel erwähnte Linie kann nur willkürlich gezogen werden. Weder Wissenschaftler noch Kreationisten vermögen, alle fossilen Schädel eindeutig in Mensch und nicht-Mensch einzuordnen.

Die französische Sprache ist bekanntlich aus Latein entstanden. Nach der Logik von Pierre Vogel hätte der erste französisch Sprechende ganz schön dumm da gestanden, wenn nicht Andere gleichzeitig diese neue Sprache erfunden hätten.

Anstatt die Analogie der Sprachentstehung zu bemühen, kann man das nicht vorhandene Problem auch an Ringspezies veranschaulichen. Dort findet man den zeitlichen Ablauf der Evolution sozusagen auf die Landschaft projiziert. Jedes Tier kann sich mit einem aus einer benachbarten Population erfolgreich paaren, aber dort wo der Kreis sich schließt, geht das plötzlich nicht mehr. Zum Beispiel formen die Salamander der Gattung Ensatina einen solchen Ring um das Central Valley in Kalifornien.

Fusion zweier Chromosomen

Noch mal zurück zur Entstehung des Menschen. Ist nicht die Verschmelzung zweier Affenchromosomen zum menschlichen Chromosom Nummer 2 ein Einschnitt, der zu Fortpflanzungsproblemen geführt haben könnte?

Ich übersetze dazu den Kommentar von Dave Wisker bei Panda’s Thumb:

Die Fusion, die zum menschlichen Chromosom 2 (HC2) führte, entstand aus zwei Chromosomen, die am äußersten Ende (im Bereich der Telomere) abbrachen und sich miteinander verbanden, wobei die kleinen Bruchstücke wegfielen. Weil die Endregionen keine Gene enthalten, gingen dabei keine lebensnotwendigen Erbinformationen verloren.

Verschmelzungen sind ziemlich gewöhnliche Mutationen auf Chromosomenebene, aber das Zusammenwachsen an den Enden ist sehr selten. Also ist diese Fusion wohl nur einmal in der Ei- oder Samenzelle eines Individuums geschehen. Als sich dieses Individuum vermehrte, war einer seiner Nachkommen wegen der Fusion ein heterozygoter Hybrid (anstatt 48 oder 46 Chromosomen hatte er 47).

Viele Mutationen, die Chromosomen umgestalten, bereiten bei Heterozygotie Probleme, wenn es darum geht, Gameten (Ei- oder Samenzellen) zu erzeugen, weil die Chromosomen sich während der Meiose nicht richtig zu Paaren zusammenfinden können. Sie verbiegen sich dann in merkwürdige Formen, und oft schaffen es dann nicht alle Chromosomen in die Gameten, oder bei der Rekombination geht genetisches Material verloren.

Typischerweise führen umgestaltete Chromosomen bei den heterozygoten Nachkommen zu teilweiser Sterilität, etwa zu 50-prozentiger Unfruchtbarkeit. Evolutionär ausgedrückt haben sie also eine deutlich geringere „Fitness“, was normalerweise bedeuten würde, dass sie sich nicht verbreiten oder gar in der Population fixiert werden („fixiert“ heißt: alle Individuen einer Population haben eines Tages diese Mutation). Aber die zu HC2 führende Fusion ist anders. Weil die Brüche ganz am Ende der Chromosomen auftraten, können das zusammengesetzte und die beiden ursprünglichen Chromosomen sich während der Meiose ohne (großes) Gezerre aneinanderlegen.

Allerdings gibt es doch Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit. Studien über die Heterozygotie nach zentralen Fusionen (ganz allgemein, nicht speziell bei HC2) zeigen einen Rückgang der Fruchtbarkeit von bis zu 10%. Demnach mussten die Mutanten eine negative Selektion überstehen, zumindest während der ersten Generationen.

Das ist für den Laien oft schwer zu verstehen – es widerspricht der Intuition. Müsste da die Selektion nicht die Fusion aus der Population entfernt haben? Und doch wurde sie in der menschlichen Population fixiert – Trotzdem!

Die Fixierung von Chromosom-Reorganisationen, die einer negativen Selektion ausgesetzt sind, ist ein klassisches Problem der Populationsgenetik, weil es viele Beispiele solcher Fixierungen in vielen Organismen gibt.

Der Kommentator „raven“ fügte bezüglich der Häufigkeit solcher Veränderungen der Chromosomenanzahl noch hinzu:

Inselmäuse können schneller evolvieren: From one species to six von Bijal P. Trivedi

Im Jahre 1999 verbrachte Janice Britton-Davidian einige Wochen damit, Hunderte von Mausefallen überall auf der halbtropischen Insel Madeira aufzustellen, und entdeckte etwas, das man „schnelle Evolution“ nennen könnte. Sie fing Hunderte von kleinen braunen Mäusen, die alle ziemlich gleich aussahen und doch genetisch sehr unterscheidlich waren – sehr ungewöhnlich für so eine kleine geografisch kompakte Insel. Normalerweise dauert es Tausende bis Millionen von Jahren, bis sich eine Tierart in zwei aufspaltet. Auf Madeira hat sich anscheinend eine Art in nur 500 Jahren zu sechs auseinanderentwickelt.

Britton-Davidian von der Universität Montpellier II zeigte, dass Populationen von madeirische Mäusen zwischen 22 und 30 Chromosomen haben, obwohl ihre Vorfahren, die zuerst mit den Portugiesen im 15. Jahrhundert ankamen, 40 Chromosomen hatten.

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