Glaube und Wahrheit

veritas

Als Kind fand ich sowas faszinierend. Jesus sagt : „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14, 6). Die bildhafte Sprache und das altehrwürdige Latein sorgen für eine mysteriöse Aura, die eine tiefe Weisheit suggeriert. Wie soll denn ein Mensch ein Weg sein, oder das Leben oder die Wahrheit? Gerade weil es so unverständlich ist, lädt es zur Bewunderung ein. Aber es steckt nichts dahinter. Für die religiöse Sprache gibt es daher den Begriff Geschwurbel. Nietzsche drückte es so aus:

Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um Dunkelheit. Denn die Menge hält Alles für tief, dessen Grund sie nicht sehen kann: sie ist so furchtsam und geht so ungern in’s Wasser.

Gerade die Wahrheit bereitet den Geistlichen Probleme. Vielleicht liegt es daran, dass es sie nervt, wenn man sie darauf hinweist, das sei doch alles gar nicht wahr, dass Jesus der Sohn einer Jungfrau gewesen sei, und dass sein Grab nach drei Tagen leer war. Deshalb benutzen sie ihren eigenen Wahrheitsbegriff.

In den Glaubenssachen auf NDR Kultur gab es mal ein Gespräch zwischen einem evangelischen und einem katholischen Theologen, in dem der eine dem anderen beipflichtete, auch in dessen Lehre liege Wahrheit. Gemeint war damit wohl, dass man das imaginäre ewige Leben auch mit der anderen Konfession erlangen könne. Dass der Papst unfehlbar und gleichzeitig nicht unfehlbar sei, war sicher nicht gemeint.

William Montgomery Watt, Islamwissenschaftler und christlicher Priester, hat es in Introduction to the Quran auf die Spitze getrieben (zitiert nach Ibn Warraq, Die Anwendung historischer Methoden in Groß/Ohlig, Die Entstehung einer Weltreligion I, übersetzt von Markus Groß):

… die Gedankengebäude, denen Juden, Christen, Muslime, Buddhisten und andere folgen, sind alle insoweit wahr, als sie die Menschen in die Lage versetzen, eine mehr oder weniger befriedigende „ganzheitliche Lebenserfahrung“ zu machen. Soweit wir beobachten können, ist keins der großen Systeme spürbar einem anderen unter- oder überlegen. Jedes ist daher wahr.

Demnach bedeutet „wahr“ sowas wie „erbaulich“ und nicht etwa „zutreffend“. Mit Watts Logik könnte man sagen, von den Aussagen

  • Goethe kam aus Frankfurt
  • Goethe kam aus Hamburg
  • Goethe kam aus Berlin

ist keine angenehmer als die anderen. Jede ist daher wahr. Watt weiter:

Insoweit wie irgendeine Vorstellung in einem System der allgemein akzeptierten Lehrmeinung der Wissenschaft widerspricht – oder der Geschichte, soweit sie objektiv ist – wirft dieser Widerspruch für die Anhänger des Systems Probleme auf, aber er beweist nicht, dass das System als Ganzes einem anderen unterlegen ist.

In Islamic Revelation in the Modern World schrieb er:

… und es könnte sein, dass letztendlich „symbolische Wahrheit“ wichtiger ist als „historische Wahrheit“.

Der Wetterbericht unterscheidet zwischen der gefühlten Temperatur und der echten Temperatur. Entsprechend sind die Glaubenswahrheiten gefühlte Wahrheiten. Sie haben mehr mit Bauchgefühl und Wohlbefinden zu tun als mit der Realität. Deswegen verdienen sie nicht die Bezeichnung „Wahrheit“.

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Eine Antwort zu Glaube und Wahrheit

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