Wie das Gehirn Gott erfindet

Von verschiedenen Wissenschaftlern wird die Entstehung der Religionen mit unseren evolutiv angepassten Denkstrukturen erklärt. Siehe dazu auch die Links ganz am Ende. Andy Thomson hat darüber einen Vortrag bei der American Atheist 2009 convention in Atlanta gehalten.

Für diejenigen, die gerade keine Zeit für den 45-minütigen Vortrag haben oder kein Englisch verstehen, fasse ich verkürzt zusammen. Eigene Anmerkungen habe ich in blau hinzugefügt.

Evolution von Denkstrukturen

An organism is an integrated collection of problem solving devices – adaptations – that were shaped by natural selection over evolutionary time to promote, in some specific way, the survival of the genes that directed their construction. Donald Symons 2005

Ein Organismus ist ein Zusammenschluss von Problemlösungs-Maschinen – Anpassungen – die über evolutionäre Zeiträume durch die natürliche Auslese geformt wurden, um auf ihre jeweilige Art und Weise das Überleben der Gene zu sichern, die ihre Konstruktion bestimmen.

Das Gehirn ist eine dieser Maschinen. Es ist größtenteils an die Verhältnisse angepasst, unter denen unsere Vorfahren in Afrika lebten. Die jüngste Entwicklung ist der Stirnlappen. Dort reguliert der präfrontale Cortex die kognitiven Prozesse. Nachdem die frühen Menschen die Welt erobert hatten, stellte sich als größte Herausforderung in ihrer Umwelt das Verhalten der Mitmenschen heraus.

In dieser Zeit wurden soziale Fähigkeiten verfeinert, die zur Grundlage von religiösem Denken wurden:

  • Wahrnehmung von sozialen Strukturen
  • Erkennen von Absichten
  • vorausschauendes Denken.

Religiöse Ideen sind ein Nebenprodukt, ein Artefakt dieser ganz alltäglichen kognitiven Fähigkeiten.

Wer liebt Big Macs? Wer steht auf Broccoli?
Wenn man die Psychologie des Big Macs versteht, versteht man auch die Psychologie der Religionen. Wir haben Vorlieben für Nahrung entwickelt, die wichtig und selten war: Zucker, Fett, Fleisch, Salz. Der Big Mac nutzt diese einst sinnvollen Vorlieben aus. Religionen nutzen unsere kognitive Mechanismen aus:

  • entkoppelte Wahrnehmung – Wir können uns Gespräche vorstellen, die wir gestern geführt haben, oder Gespräche, die wir erst noch führen werden, oder ganz fiktive Gespräche. Da ist es kein großer Schritt zu Gesprächen mit Verstorbenen – oder mit Gott.
  • übertriebene Vermutung von Absichten
  • minimal der Intuition Widersprechendes – Das Übernatürliche der Religionen ist immer nur ein kleines Stück vom Normalen entfernt. Gott ist überall, aber irgendwie auch nur ein Mann. Er kann Gedanken lesen, aber im Gebet rede ich trotzdem ganz normal mit ihm.

Kinder

Die Anfälligkeit für das Kidnapping von Denkstrukturen ist bei Kindern besonders ausgeprägt.

  • Kinder sind geborene Dualisten.
  • Sie unterscheiden zwischen Dingen und denkenden Wesen.
  • Es ist natürlich, sich den Geist ohne Körper vorzustellen.
  • Die Hälfte der Vierjährigen hat imaginäre Freunde.
  • Kinder unterstellen allem eine Absicht oder einen Zweck (Vögel, Flüsse, Felsen) Kelemen 2009

Es ist uns angeboren, Absichten zu unterstellen, wo keine sind. Man kann kaum über die natürliche Auslese sprechen, ohne von Zielen und Mitteln zum Zweck zu reden, auch wenn man weiß, dass das nicht zutrifft.

Children will spontaneously invent the concept of god without adult intervention. Petrovich 2009, Boyer 2009

Kinder erfinden ganz von alleine ein Konzept von Gott – ohne Anweisung von Erwachsenen.

Glauben an Gott ist also ganz natürlich. Es erfordert mehr Aufwand, sich dieser Ausnutzung unserer Denkstrukturen zu widersetzen.

Der Bindungsmechanismus nach Mary Ainsworth und John Bowlby

Die Mutterbindung ist bei allen Säugetieren stark ausgeprägt. Wird auf Autoritäten übertragen: Häuptlinge, Priester, Götter.
Bindung ist auch ein äußerst wichtiger Bestandteil von Religionen und eine große Hürde beim Verlassen seiner Religion.

Theory of mind

Jeder weiß, dass die anderen Gedanken haben wie er selbst – nicht notwendig dieselben Gedanken, sondern überhaupt Gedanken, Pläne und Wünsche. Wir sind besonders befähigt, Stimmungen an den Augen der Anderen abzulesen. Wir machen uns auch Gedanken, was Andere denken, was wir denken. Das ist ganz entscheidend fürs menschliche Sozialverhalten.

In der Religion ist typisch, dass man sich einbildet, zu wissen, was Gott will (und zwar in den meisten Fällen das, was man selber will).

Dimitrios Kapogiannis et al. veröffentlichten 2009 in den Proceedings of the National Academy of Science eine Studie über Religion und Hirnaktivität. Es stellte sich heraus, dass religiöses Denken genau in denselben Hirnregionen stattfindet wie alltägliches Denken. Es findet genau dort statt, wo man es vermuten sollte gemäß der oben vorgestellten Theorie, dass Religion die evolutionär entstandenen Denkstrukturen ausnutzt.

Weitere Denkmuster, die zur Religion beitragen

  • Konflikt beim Anblick eines Toten – Die natürliche Unterscheidung von Körper und Geist lässt uns zwar den toten Körper akzeptieren, aber suggeriert weiterhin eine lebendige Seele.
  • Autoritätsgläubigkeit – Kinder übernehmen zunächst kritiklos die Kultur, in der sie aufwachsen. Inklusive Religion. Sinnvolle und sinnlose Vorschriften werden gleichermaßen aufgenommen. Auch Erwachsene sind autoritätsgläubig (Milgram-Experiment).
  • Altruismus – Man fühlt sich gegenüber dem Schöpfer zu Dankbarkeit verpflichtet, und erwartet Gegenleistungen für Opfer.
  • romantische Liebe – Sogar die wird von Religionen vereinnahmt. (Beispiel: Nonne – Jesus)
  • moralisches Empfinden – Wir rätseln, wo es herkommt und landen bei Gott, mit der Folge, dass nun die Religion noch mehr Moral vorgeben kann.
  • Bestrafung von Betrügern (Wieso unterstützt das Religionen? Vielleicht als Wunscherfüllung, weil die Bösen in die Hölle kommen?)
  • Empathie, Spiegelneuronen – Mitleid mit dem gekreuzigten Jesus, daraufhin Schuldgefühle.
  • Rituale – Loyalitätsbeweise
  • Wunschdenken – Was uns nicht gefällt, wird bezweifelt
  • Bestätigungstendenz – „confirmation bias“. Was nicht ins Konzept passt, wird ignoriert. (Subjektive Wahrnehmung von Wundern)
  • Verwandschaftspsychologie – Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft nennen sich gerne Brüder und Schwestern und den Priester oder Papst nennen sie Vater.

Ende der Zusammenfassung

Die historischen Bemerkungen über Wissenschaft, Evolution und Religion, die Andy Thomson noch vortrug, lasse ich weg.

Der Gedanke, dass Religion eine Anpassung sei, die von der natürlichen Selektion gefördert wird, wird kaum noch vertreten, trotz des besseren Zusammenhalts der Gruppe. Ein Glauben an ein besseres Leben nach dem Tod trägt nicht gerade zum Überleben bei, vom Zölibat mal ganz zu schweigen.

Links:
Professor reveals why we believe in Gods (~ das hier auf Englisch)
Science and religion: God didn’t make man; man made gods
Born believers: How your brain creates God (kostenpflichtig)
How your brain creates God
Children Tend to Believe in God
Ich würde ja gerne die Links zu den zitierten Arbeiten „Petrovich 2009“ und „Boyer 2009“ posten, aber weder der YouTube-Vortrag noch die ganzen Blog-Artikel gaben das her, und der Artikel bei New Scientist ist kostenpflichtig. Kelemen 2009 ist auch nur ein Abstract. Den folgenden Link habe ich selbst noch nicht gelesen:
The Science of Religious Beliefs (Jonathan Lanman)

Ergänzung am 29.08.2011:

„Kelemen 2009“ ist wohl eigentlich von 1999: The scope of teleological thinking in preschool children (vollständiges PDF).
„Petrovich 2009“ könnte das hier sein, auch von 1999: Preschool children’s understanding of the dichotomy between the natural and the artificial (leider nur die Inhaltsangabe).
Bei YouTube gibt es noch mehr: Psychology of Belief in 9 Teilen. Teil 9 erwähnt wieder die Arbeit von Deborah Kelemen.

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2 Antworten zu Wie das Gehirn Gott erfindet

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