Nacht des Wissens im Bernhard-Nocht-Institut

Aus dem Programm der 4. Nacht des Wissens hatte ich mir die Schaugewächshäuser in Planten und Blomen und das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ausgesucht.

Letzteres steuerte ich zuerst an, nicht nur weil es mit der Hochbahn leicht zu erreichen ist, sondern auch weil es gleich mehrere meiner Vorlieben abdeckt: Tropen, Wissenschaft, Viren, Parasiten und St. Pauli.

Das alte Gebäude liegt hoch am Elbufer mit Blick über den Hafen, eigentlich zu schön für ein medizinisches Forschungslabor. Vor dem Eingang wurden asiatische Spezialitäten gegrillt. Drinnen zeigten zahlreiche Mitarbeiter den Besuchern die verwinkelten Wege zu den Hörsälen und Ausstellungen.

Monsters inside me

Ich kam gerade rechtzeitig zum Vortrag Monsters inside me von Prof. Christian Meyer. Die ekligen Bilder und Filme waren eine passende Einstimmung auf Halloween: Würmer in Augen, Ohren und Nasen, Aufnahmen der Entfernung von Würmern aus der Haut eines Hundes und aus dem Auge eines Menschen, Darmspiegelungen mit Bandwürmern und anderen riesigen Monstern.

Die Muslime wird es freuen, dass vor allem vor Hunden und vor Schweinefleisch gewarnt wurde, dessen Verzehr nach der ordnungsgemäßen Fleischbeschau allerdings völlig unbedenklich ist, und die geschieht in St. Pauli bekanntlich besonders ausgiebig. Die Chinesen und Japaner wird es nachdenklich stimmen, dass auch Schlangen, Wasserkäfer und roher Fisch fiese Würmer enthalten.

Und zack, waren die zwanzig Minuten schon rum, und der Nächste war dran. Das Vortragstempo hatte was vom (gleichzeitig im Rathaus stattfindenden) Science Slam.

Zecken: Kleine Blutsauger – große Gefahr

Nun ging es um Zecken. Andreas Krüger erklärte, dass er als Insektenspezialist eigentlich nicht zuständig sei, weil es sich um Milben handele und somit um Spinnentiere und nicht um Insekten. Das könne man schon an den acht Beinen sehen. Allerdings haben sie ein Larvenstadium mit nur sechs Beinen, obwohl sie zuvor als Embryo im Ei schon mal acht Beine hatten. Faszinierend.

Die Larven, Nymphen und adulten Zecken sind auf unterschiedlich große Wirtstiere aus und lauern deswegen in unterschiedlichen Höhen mit ausgestrekten Vorderbeinen im Gras oder Gebüsch. In fernen Ländern gibt es auch Zecken, die auf die Beute zu rennen.

Um eine Zecke aus der Haut zu entfernen, soll man sie weit vorne mit einer Pinzette oder Zeckenkarte packen und vorsichtig rausziehen, ohne zu drehen oder dem Tierchen Stress zu machen. So vermeidet man, dass die Zecke ihren infektiösen Inhalt in die Haut spuckt.

Viren-Ausstellung

Den Besuch in Gewächshaus hatte ich mir mittlerweile aus dem Kopf geschlagen. Stattdessen wechselte ich vom Hörsaal zur Viren-Ausstellung.

Dort wurden auf Plakaten verschiedene Viren wie Ebola, Tollwut, Papilloma, Herpes, Lassa und Arena erklärt. Es gab ein Mikroskop zur Betrachtung befallener Zellen und elektronenmikroskopische Aufnahmen der Viren selbst.

Leider war kein Foto eines Aids-Virus dabei. Ein Argument der HIV-Leugner ist ja, dass es keine Fotografie von diesem Virus gibt. Dr. Ölschläger, der für Auskünfte zur Verfügung stand, hatte allerdings von diesem Argument noch nie etwas gehört.

Viren werden nicht durch Mikroskope nachgewiesen sondern, fast wie Computerviren, durch Vergleich mit einer bekannten Signatur. Mit dem Verfahren PCR wird die zu untersuchende RNA vervielfältigt, dann kommt bei mir eine Verständnislücke, und schließlich kann man an der Lichtabstrahlung (!) bestimmen, ob das gesuchte Virus vorhanden ist.

Anstatt so einen komplizierten Kram verstehen zu wollen, konnte man sich auch im eindrucksvollen Virenschutzanzug fotografieren lassen.

Reiseberatung

Die Reiseberatung wurde in der Nacht des Wissens ausnahmsweise kostenlos angeboten.

Als alljährlicher Bali-Urlauber hatte ich ganz konkrete Fragen, z.B. Malaria-Prophylaxe oder Standby-Medikamente. Die Antwort war, dass eine Vorsorge für Bali nicht nötig sei, weil die Gefahrenzone erst auf Lombok beginnt. Zudem kann man auf Bali alle Malaria-Medikamente kaufen. Also hat es auch keinen Sinn, welche aus Deutschland mitzunehmen.

Was ist sonst noch gefährlich? Tollwut, Denguefieber? Es kam die erwartete Antwort: sich weder stechen noch beißen lassen. Während der Beratung flog eine Mücke durch den Raum. Im Tropeninstitut sollte man sich wohl erst recht nicht stechen lassen.

Mücken-Ausstellung

In einem anderen Austellungsraum konnte man sich von Malaria befallenes Blut mit Mikroskopen ansehen. Auch hier waren reichlich Mitarbeiter anwesend, die einem alles ausführlich erklärten.

Daneben standen Geräte zum Mückenfang und Kästen mit toten Skorpionen, Kamelspinnen, Spinnen, Mücken, Zecken und Tausendfüßlern. Als Highlight konnte man die Hand an ein Gefäß mit lebenden Mücken halten, um zu sehen, wie viele dadurch angelockt werden.

Ärger am Panamakanal

Nachdem ich einige Vorträge ausgelassen hatte, nahm ich rechtzeitig wieder im Hörsaal platz um Dr. Stephanie Müllers Geschichten von Mücken und Viren zu hören.

Napoleon sendete 25.000 Soldaten nach Haiti, um einen Sklavenaufstand zu beenden und und eventuell Frankreichs Einfluss im Süden der heutigen USA zu vergrößern. 22.000 davon starben am Gelbfieber und der Rest kehrte nach Frankreich zurück.

Ferdinand de Lesseps hatte erfolgreich den Sueskanal gebaut, und wurde mit der Planung und dem Bau des Panamakanals beauftragt. Als die geplante Zeit und das Budget aufgebraucht waren, war erst ein Drittel fertig, und wieder gab es 22.000 Tote durch Malaria und Gelbfieber.

Der zweite Versuch, den Panamakanal zu bauen, verlief zunächst ähnlich. Dann wurden drei Wissenschaftler aus den USA zur Baustelle geschickt, die zur Untersuchung des Übertragungswegs sich selbst und zahlreiche Freiwillige von infizierten Mücken stechen ließen. Eine Kontrollgruppe trug die Kleidung von an Gelbfieber Verstorbenen. Sieben Jahre später starb der letzte der drei Wissenschaftler an den Folgen der Erkrankung.

Wilde Tiere, wilde Viren

Dr. Stephan Ölschläger, den ich nun schon aus der Viren-Ausstellung kannte, referierte vor allem über Tollwut. Erstmal machte er die Winzigkeit von Viren durch einen Vergleich deutlich. Das Größenverhältnis Virus-Mensch ist ungefähr so wie das Verhältnis Mensch-Erde.

Tollwut verläuft beim Menschen tötlich, wenn sie nicht behandelt wird, wobei der Zeitraum, in dem die Behandlung (postexpositionelle Prophylaxe) beginnen muss, von der Entfernung der Bisswunde zum Gehirn abhängt.

Dr. Ölschläger berichtete von einem Fall, bei dem der Patient in Nordafrika von einem Hund gebissen worden war und erst nach der Heimkehr nach Deutschland die Tollwut erkannt wurde. Er verstarb nach einigen Tagen im künstlichen Koma.

In einem anderen Fall hatte eine Familie Glück, die eine Fledermaus in Pflege genommen hatte. Drei Personen waren gebissen worden, aber der Arzt wusste, dass Fledermäuse Tollwut übertragen, und rettete die Familie durch die nachträgliche Impfung.

Bei den üblichen Wildtieren hat man die Tollwut in Deutschland im Griff, vor allem durch die Impfung, die mehr bewirkt als das Töten befallener Tiere. Aber die Fledermaustollwut stellt weiterhin eine Gefahr dar.

Besonders gewarnt wurde vor dem Besuch von Fledermaushöhlen in Afrika (python cave). Dort besteht die Gefahr, sich mit dem Marburg-Virus zu infizieren.

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