Weitere Belege für die Evolution, aber wozu?

Auf seiner Seite WhyEvolutionIsTrue hat Jerry Coyne weitere Belege für die gemeinsame Abstammung vorgestellt. Es geht mal wieder um tote Gene, diesmal um Geschmacksrezeptoren bei Fleischfressern. Ähnlich den Geruchsrezeptoren bei zum Leben im Meer zurückgekehrten Arten sind die Geschmacksrezeptoren bei Fleischfressern fürs Überleben nicht besonders wichtig, und es stört nicht, wenn sie durch Mutationen deaktiviert werden. Kreationisten tun sich allerdings schwer, zu erklären, warum der Schöpfer seinen Kreaturen kaputte Gene eingepflanzt hat.

Das Denken der Kreationisten war ebenfalls ein Thema in WhyEvolutionIsTrue und auch im Evolutionblog von Jason Rosenhouse. Beide kommentieren eine Diskussion zwischen dem Philosophen Michael P. Lynch und dem Physiker/Mathematiker Alan Sokal.

Lynch meint, dass es ein Zirkelschluss sei, die Wissenschaft mit wissenschaftlichen Mitteln zu begründen. So gesehen sei es nachvollziehbar, wenn Fundamentalisten stattdessen religiöse Schriften als Mittel zur Wahrheitsfindung heranziehen. Sokal widerspricht dieser Sichtweise mit dem Hinweis, dass ja auch religiöse Fundamentalisten in alltäglichen Fragen auf die Wissenschaft oder zumindest die Vernunft setzen, aber zusätzlich ihre Bücher für unfehlbar halten. Da sie ab und zu wissenschaftlich denken, könnten sie auch mal ihre Bücher mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen.

Coyne findet die erkenntnistheoretischen Spitzfindigkeiten von Lynch ziemlich überflüssig und zitiert Richard Feynman: „Philosophy of science is about as useful to scientists as ornithology is to birds“. Wissenschaft funktioniert eben, während der oft postulierte andere Zugang der Religionen zur Wahrheit keinerlei brauchbare Ergebnisse geliefert hat.

Rosenhouse findet sowohl bei Lynch als auch bei Sokal einen grundsätzlichen Fehler. Die religiösen Fundamentalisten sehen ja gar keinen Widerspruch zwischen ihren Büchern und der wahren Wissenschaft. Coyne erwähnt zwar, dass 64% der US-Amerikaner bei ihrem Glauben bleiben würden, wenn eine wissenschaftliche Tatsache ihm klar widersprechen würde, aber das spiegelt wohl eher das Misstrauen gegenüber dem etablierten Wissenschaftsbetrieb wider.

Die christlichen und muslimischen Kreationisten meinen, dass an den Universitäten nicht wirklich unvoreingenommen wissenschaftlich gearbeitet wird. Das Discovery Institute und Harun Yahya behaupten nicht, dass religiöse Schriften die Wissenschaft übertrumpfen sollen, sondern dass eine korrekt betriebene Wissenschaft den Glauben bestätigen würde. Ihre Argumente sind erbärmlich dumm, aber sie werden als Wissenschaft präsentiert und nicht als göttliche Eingebung.

In den Kommentaren zum Artikel von Rosenhouse zitiert Nick Matzke einige Aussagen von Answers in Genesis, aus denen hervorgeht, dass diese Fundamentalisten eben doch die Bibel über jede Wissenschaft stellen. Und anders als Rosenhouse es erlebt hat, halten sie es nicht für nötig, dafür irgendwelche Begründungen zu liefern. Die Wahrheit der Bibel ist eine Annahme oder Voraussetzung („Presupposition“). Die Evolutionsbiologen, so denken sie fälschlicherweise, hätten den Atheismus als Voraussetzung und würden deswegen aus denselben Beobachtungen andere Schlüsse ziehen.

Man braucht nicht noch mehr Belege für die Evolution, aber man muss die Kreationisten damit konfrontieren, damit sie vielleicht merken, wie schlecht sie informiert sind.

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Hier sind die bisher bei blogage.de aufgelaufenen Kommentare:

Dion

Ich stimme Ihnen zu was ihren letzten Satz betrifft. Und es scheint mir zumindest im deutschsprachigen Bereich ziemlich wenige Bücher zu geben die sich ausführlich mit den Belegen für die Evolution befassen. In Evolutionslehrbüchern sind das meist nur ein paar Seiten. „Die Schöpfungslüge“ von Dawkins ist schon nicht schlecht, aber das Buch ist erst seit 2010 auf dem Markt und könnte noch um einiges ausführlicher sein. Davon abgesehen gibt es nur jede Menge Bücher über Mechanismen und Ablauf der Evolution. Was Beweise und die Entkräftung kreationistischer Einwände angeht bleiben noch einige  englische Werke (Why evolution is true) und Websites wie talkorigins.org und diverse Blogs. Insgesamt etwas mau dafür dass die Beweise so überwältigend sein sollen.

kaime

Hallo kereng,

Ich bin gerade zutiefst beeindruckt von deinem Blog. Einige deiner Videos waren mir bereits bekannt, doch als ich eben nach Quellen im Internet recherchierte, fand ich plötzlich diese Seite. Interessiert habe ich begonnen deine Einträge zu lesen und muss sagen: Du hast mir gerade den Tag gerettet! Es ist Feiertag und der Regen fällt unablässig, da kam mir deine Seite gerade recht.

Für das was du hier tust, verdienst du einfach Anerkennung. Es ist mir wirklich unmöglich jetzt in Worte zu fassen, wie gut es sich anfühlt zu wissen, dass da jemand genauso verbissen damit beschäftigt ist, die Erkenntnisse unserer Zeit, sowie deren Konsequenzen (auf zum Beispiel die Ethik), zu verteidigen und zu verbreiten.

Also in diesem Sinne (und da ich keine allgemeine Kommentar-Funktion entdecken konnte eben nur unter diesem Beitrag von dir), wünsche ich dir noch allen Erfolg bei deinem Vorhaben und drücke dir hiermit auch meinen Respekt vor deinem Charakter aus.

Grüße,

kaime||at||WG

Firithfenion

Wozu? Gute Frage. Wissenschaftlich ist es unerheblich, denn es existiert keine alternative zur Evolution. Selbst beim besten Willen kann man den Kreationismus nicht als Gegenmodell verstehen, denn er liefert nicht mal Erklärungsversuche warum die Lebensformen so sind wie sie sind, sondern beschränkt sich stattdessen auf Kritikversuche an der Evolution.

Diese Debatte ist lediglich notwendig, um die bereits vorhandenen Erkenntnisse über die Evolution einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Es geht hier also lediglich um die Popularisierung bereits bekannter Sachverhalte.

Meiner Meinung nach verzetteln sich viele dabei indem sie zu viel Wert auf Detailfragen legen. Es geht darum, die allgemeinen Mechanismen der Evolution bekannt zu machen. Wenn die erstmal verstanden sind, dann kann sich der interessierte Laie die entsprechenden Details selbst aus entsprechenden Büchern oder Fachzeitschriften zusammen suchen. Leider scheinen einige dieser Mechanismen auf den ersten Blick unserer anthropozentrisch geformten Erfahrung zu wiedersprechen. Deshalb gilt es, nach möglichst einprägsamen Beispielen aus unserer Erfahrungswelt zu suchen, die diese Mechanismen verdeutlichen können.

Einige amerikanische Atheisten, die sich ja mit diesem Thema noch häufiger auseinandersetzen müssen, haben hier gute Arbeit geleistet, indem sie z.b. in Youtube Videos „Top 10 Creationist Arguments“ zusammenstellen und mit möglichst griffigen, auch für wissenschaftlich wenig gebildete Zeitgenossen verständlichen Gegenargumenten widerlegen. Das ist meines Erachtens der richtige Weg.

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