Glaube und analytisches Denken

In meiner Auseinandersetzung mit Michael Kotsch ging es auch um die Frage, ob und wie der Glaube an Gott mit der Intelligenz oder der Bildung korreliert. Hier sind drei Untersuchungen zu diesem Thema.

Leading scientists still reject God

Diese durch das Buch Der Gotteswahn bekannt gewordene Studie von 1996 wiederholte eine Umfrage, die schon 1914 und 1933 unter amerikanischen Wissenschaftlern durchgeführt worden war. Gefragt wurde nach dem Glauben an einen persönlichen Gott und an eine unsterbliche Seele. Der Anteil der Ungläubigen und Zweifler war mit ungefähr 60% gegenüber 1914 unverändert und lag weit über dem der Gesamtbevölkerung.

table1

Unter den führenden Wissenschaftlern (National Academy of Sciences) war der Anteil der gläubigen besonders gering: 7%.

What Scientists Really Think

In seinem Evolutionblog hat Jason Rosenhouse 2010 das Buch Science vs. Religion: What Scientists Really Think von Elaine Howard Ecklund vorgestellt. Die Autorin hat selber Umfragen unter amerikanischen Wissenschaftlern durchgeführt.

Da ich das Buch nicht habe, muss ich Jasons Zusammenfassung vertrauen:

Nach ihrem Glauben an Gott befragt wählten 34% die Antwort „Ich glaube nicht an Gott“, und 30% „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, und es gibt keine Möglichkeit, das festzustellen.“ Das macht 64% Atheisten und Agnostiker im Gegensatz zu 6% in der Gesamtbevölkerung.

Weitere 8% wählten „Ich glaube an eine höhere Kraft, aber es ist nicht Gott.“ Das macht 72% Wissenschaftler, die nicht an einen persönlichen Gott glauben („explicitly non-theistic“), im Vergleich zu 16% der Gesamtbevölkerung. Krass.

Auf der anderen Seite sind es nur 9% der Wissenschaftler (verglichen mit 63% der Bevölkerung), die ankreuzten, „Ich habe keine Zweifel an der Existenz Gottes.“ Weitere 14% der Wissenschaftler wählten, „Ich habe Zweifel, aber ich glaube an Gott.“ Somit sind es nur 25% der Wissenschaftler, die ihren Glauben an Gott kundtun (80% bei der Gesamtbevölkerung).

Wie kommt Jason aus 9%+14% auf 25%? Sei’s drum. Es ist kaum anzunehmen, dass Elaine Howard Ecklund ihre Zahlen manipuliert hat, denn mit anderen Ergebnissen könnte sie ihre Zusammenfassung besser untermauern:

Wenn wir uns nun anstatt dem persönlichen dem öffentlichen Leben der Wissenschaftler zuwenden, treffen wir auf fast 50 Prozent der Elitewissenschaftler wie Margaret, die im traditionellen Sinn religiös sind.

Analytic Thinking Promotes Religious Disbelief

Über diese aktuellere Studie hat Cornelius Courts gerade ausführlich geblogt: Analytisches Denken fördert Unglauben. Die Vermutung, dass der Glaube eher dem Bauchgefühl als dem analytischen Denken zuzuordnen ist, wurde weitestgehend bestätigt.

Mit verschiedenen mehr oder weniger subtilen Methoden wurden die Teilnehmer der Studie in einen „analytischen Denkmodus“ versetzt und beantworteten dann Fragen über ihren Glauben. Der Glaube an übernatürliche Wesen war dann signifikant geringer als bei der Kontrollgruppe.

Auch Jerry Coyne hat sich die Studie vorgenommen und hat am Schlusswort der Autoren was auszusetzen, ähnlich dem, was Jason Rosenhouse beim Buch von Elaine Howard Ecklund sauer aufstieß:

Abschließend weisen wir darauf hin, dass die vorliegenden Studien nichts beisteuern zu den langandauernden Debatten über den Wert oder die Rationalität der Religionen, oder über den jeweiligen Wert von analytischem und intuitivem Denken in der optimalen Entscheidungsfindung.

Über die Rationalität der Religionen sagen die Studien durchaus etwas aus, nämlich dass der Glaube abnimmt, wenn man rationaler denkt. Religionskritische Forschungsergebnisse müssen offenbar mit beschönigenden Kommentaren veröffentlicht werden.

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Mehr Statistiken gibt es bei Wikipedia und bei Fowid.

Auch interessant: Are scientists nonbelievers because of self selection or because science erodes belief?

Noch ein Link: America’s scientists reluctant to admit they’re nonbelievers

Edit, 02.09.2012: Daniel M. Hungerman – The Effect of Education on Religion: Evidence from Compulsory Schooling Laws

I find that higher levels of education lead to lower levels of religious participation later in life. An additional year of education leads to a 4-percentage-point decline in the likelihood that an individual identifies with any religious tradition

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2 Antworten zu Glaube und analytisches Denken

  1. Pingback: 2012 | kěrěng

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