Gläubige sind wie Kinder

Aus der nicht ganz richtigen Erkenntnis, dass alle Völker Gott kennen, wollte Michael Kotsch die Existenz Gottes folgern*. Wenn das korrekt wäre, dürfte man auch aus der Tatsache, dass sich alle Völker Geschichten mit sprechenden Tieren erzählen, folgern, dass Tiere sprechen können. Offenbar vermenschlichen Menschen gerne Naturphänomene, was sowohl eine Erklärung für die sprechenden Tiere ist als auch für Tiergötter, Sonnengötter und Quellnymphen.

Wo in der Menschheitsgeschichte das angefangen hat, ist schwer herauszufinden, weil entsprechende Höhlenmalereien eigentlich schon zu spät sind und Begräbnisstätten zwar Hinweise auf Jenseitsvorstellungen geben, aber nicht auf Gottesbilder. Auch unsere nächsten Verwandten im Tierreich verraten nicht, ob sie an Gott oder Karma glauben. Dazu ist die Kommunikation zwischen Mensch und Tier zu unvollkommen.

Am meisten Aufschluss darüber, wie religiöse Vorstellungen zustande kommen, geben uns kleine Kinder. Zwei Studien über Dualismus und Teleologie bei Kindern habe ich schon mal erwähnt:

Es ging dabei um die Beobachtung, dass Kinder im Vorschulalter gerne jedem Teil der Natur, sei es eine Tierart oder ein Felsen, einen Zweck unterstellen (Teleologie), und dass Kinder zwischen Geist und Körper unterscheiden (Dualismus) und sogar eine unsterbliche Seele konstruieren.

Eine neuere Arbeit von Deborah Kelemen untersucht, wie das eventuell aus der Kindheit mitgenomme teleologische Weltbild das Verständnis der Evolutionstheorie erschwert. Das führt aber vom Grundgedanken dieses Blogeintrags weg, der überschrieben ist mit „Gläubige sind wie Kinder“, denn wer der Natur einen Zweck unterstellt, tendiert im Gegensatz zu Gläubigen eher dazu, die Evolutionstheorie zu akzeptieren, wenn auch durch falsche Vorstellungen entstellt.

Eine weitere Studie, die den Dualismus Körper-Seele bei Kindern feststellt, trägt den Titel „Why do children hide by covering their eyes?“ (Warum verstecken sich Kinder, indem sie ihre Augen bedecken?). Es stellt sich heraus, dass sie zwar wissen, dass man dann ihre Füße und sogar ihr Gesicht noch sehen kann, aber sie denken, ihr „selbst“ wäre unsichtbar, wenn man ihnen nicht in die Augen sehen kann. Sie haben ja recht, dass Augenkontakt etwas sehr Wichtiges ist, aber man hätte gerne Genaueres über die Gedankenwelt der Kleinkinder erfahren, was wohl wie bei den Tieren an der Kommunikationsfähigkeit scheiterte.

Der Spiegel stellte eine Studie vor, nach der Fünfjährige nur großzügig sind, wenn jemand zusieht. Das hat vordergründig nichts mit Religion zu tun, aber Hesiod schrieb, dass die Menschen sich nur aus Furcht vor Zeus moralisch verhalten, und Goethe (bzw. Epimeleia) schrieb „Ist doch ein Vater stets ein Gott!“

Worauf ich hinaus will, ist die von Gläubigen immer wieder geäußerte Vorstellung „ohne Gott ist alles erlaubt“. Darin spiegelt sich die Grundhaltung der Kinder, dass man nicht einfach so Gutes tut.

Diesen Kindergedanken hat der katholische Religionswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Bernhard Uhde auf die Spitze getreiben:

Er redet lange über Descartes, Kant, Dostojewsky und Laplace und referiert dabei so vernünftige Gedanken, dass er schon befürchtet, man könne ihn für einen Atheisten halten.

Nebenbei bietet er eine Lösung des Theodizeeproblems an, die frappierend an die längst widerlegten Gottesbeweise des Thomas von Aquin erinnert: Gott ist allmächtig, und es würde ihn kleiner machen, wenn er nicht alles verwirklichte, was er kann. Weil er der Größte ist, muss er also etwas tun, was uns extrem schwierig erscheint, nämlich aus Schlechtem Gutes machen. Erdbeben und Wirbelstürme sind also nicht nur schlecht sondern auch gut. Wenn das einfach zu verstehen wäre, wäre Gott unterfordert.

Aber ich schweife ab, wenn auch nicht so weit wie Prof. Uhde. In Minute 42 (von 49) kommt er endlich darauf zu sprechen, warum die Neuen Atheisten Unrecht haben, wenn sie Gott für überflüssig halten. Jeder Mensch tut gern Gutes, von der Hilfe im Notfall bis hin zur besinnungslosen Liebe. Dafür muss es doch einen Grund geben. Welchen bloß? Das kann nur ein Appell von Gott sein.

Gratulation, da wurde der ganze moderne Atheismus mit einem simplen Gott-der-Lücke-Argument widerlegt. Jerry Coyne ist auf der Suche nach guten Argumenten der Sophisticated Theology™. Ich befürchte, ein Hinweis auf Prof. Uhde ist da nicht hilfreich.

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*) Ein ähnlich schwacher Gottesbeweis wie die angeblich überall vorhandene Vorstellung von Gott, ist die Behauptung, dass wir die Welt nur erkennen können, weil Gott uns dafür ausgestattet hat. Unsere Sinne und Erkenntnismöglichkeiten sind aber nur so gut, wie es fürs Überleben nötig war. Weil sie recht offen und allgemein sind, kann man damit auch Mathematik und Astronomie betreiben, aber im Großen wie der Form des Universums (3-Sphäre?) versagt die Vorstellung, und bei der mikrokosmischen Quantentheorie sowieso.

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