Das Gerede von den Christlichen Werten

Soll man es eine Lüge nennen, einen weit verbreiteten Irrtum oder ein Missverständnis? Täglich findet man im Brights-Blog Zitate von Theologen und Politikern über die Wichtigkeit des Glaubens und der Christlichen Werte.

Beispiel 1, Todesstrafe

aktuell.evangelisch.de
Eine zunehmende Entchristlichung beeinflusst nach Meinung des Politikwissenschaftlers und Publizisten Andreas Püttmann alle Bereiche des Lebens. „Immer mehr Menschen leben ohne Gott. Das muss negative Folgen haben„, sagte Püttmann am Freitag beim Eucharistischen Kongress der katholischen Kirche in Köln.

Püttmann lobte die katholische Kirche als die letzte große moralische Instanz. Sie sei zum Beispiel ein Stützpfeiler des Tötungstabus. „Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens ist unangreifbar“, betonte Püttmann. Nur in der katholischen Kirche spreche man sich so deutlich und kompromisslos gegen Abtreibung und Embryonenforschung aus.

Mal abgesehen davon, dass die katholische Kirche in der Öffentlichkeit kaum noch als moralische Instanz eingestuft wird, soll wohl die Formulierung „die letzte“ suggerieren, dass die Kirche als einzige noch die Gesetze Gottes vertritt und immer schon gegen jegliches Töten war. Angesichts der historischen Kreuzzüge, Glaubenskriege und Ketzerprozesse ist das offenbar unwahr.

Die Kirche hinkt stets dem Zeitgeist hinterher, und nachdem sie ihn widerwillig übernommen hat, gibt sie ihn als ihre eigene schon immer vertretene Idee aus.

Beispiel 2, Selbsttäuschung

pro-medienmagazin.de über die Bundeskanzlerin bei der Jahrestagung des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU:
Kein politisches Programm könne den Menschen ethische Grundlagen näher bringen. Gerade die Kirchen und Religionsgemeinschaften trügen dazu bei, dass Werte vermittelt würden. Merkel betonte die Wichtigkeit christlichen Engagements in der Politik: Selbstverständlich sei das schon lange nicht mehr. „Die Bevölkerung ist heute mitnichten mehr vertraut mit den soliden ethischen Grundlagen, die sich aus dem Christentum ergeben”, sagte Merkel

Was ergibt sich denn aus dem Christentum? Etwa das, was in der Bibel steht?

Angenommen, die Bundeskanzlerin wird von einer Türkin um eine Kopfschmerztablette für ihre Tochter gebeten. What would Jesus do? Da gibt es doch eine ganz ähnliche Situation, in der Jesus von einer Ausländerin um Hilfe für ihre kranke Tochter gebeten wurde (Matthäus 15,21) und ablehnte: „Ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel.“ Frau Merkel müsste sich also vergewissern, dass die Bittstellerin deutsche Staatsbürgerin sei, oder wenigstens Christin, damit sie sagen kann: „O Weib, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst.“

Natürlich wäre die Bundeskanzlerin nicht so herzlos. Wenn sie sich nach der Bibel richten wollte, müsste sie aber Gesetzesentwürfe vorlegen, nach denen Jungfrauen gesteinigt werden, wenn sie bei einer Vergewaltigung nicht laut genug um Hilfe rufen. Auch für ungehorsame Söhne und Homosexuelle müsste sie die Todesstrafe fordern. Das steht zwar alles nur im Alten Testament, müsste aber zu den Christlichen Werten gehören , weil Jesus bekanntlich gesagt haben soll (Matthäus,5,17):

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Ich käme nie auf die Idee, der Bundeskanzlerin oder einem Theologen vorzuwerfen, sie würden die Werte der Bibel vertreten. Das tun nur Fundamentalisten. Die Christlichen Werte haben nichts mit der Bibel zu tun sondern entsprechen dem Zeitgeist, wie ihn auch Agnostiker, Atheisten und integrierte Muslime leben.

Um die Vertreter der Christlichen Werte nicht als Lügner hinzustellen, könnte man vielleicht als Christliche Werte einfach die Werte der Christen bezeichnen, ohne Rücksicht auf die Herkunft. Dann kann man auch die Demokratie und den Rechtsstaat dazu zählen, obwohl diese aus der griechisch-römischen Antike stammen. Aber nein, Frau Merkel sagt ja ausdrücklich, dass sie sich „aus dem Christentum ergeben”.

Richard Dawkins hat auf eine Studie hingewiesen, die Aufschluss darüber gibt, warum sich Briten gerne als Christen sehen, obwohl sie ihre Moral nicht aus der Bibel beziehen: “I like to think of myself as a good person.” So ist wohl auch die Selbsttäuschung der Bundeskanzlerin zu verstehen. Von Kind an darauf getrimmt, das Christentum als etwas Gutes anzusehen, meint sie nun, das Gute käme aus dem Christentum und erkennt nicht, was sie tatsächlich dazu befähigt, aus der Bibel die Rosinen rauszupicken, die auch ich für gut befinde.

Beispiel 3, Beschneidung

pro-medienmagazin.de
Nach dem christlichen Menschenbild verbietet es sich, Menschen nach eigenem Gutdünken zu formen, beispielsweise durch Klonen. Das sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch.

Wenn es tatsächlich zum „christlichen Menschenbild“ gehören sollte, Menschen nicht nach eigenem Gutdünken zu formen, wäre es wieder Rosinenpickerei, das nur aufs Klonen zu beziehen und nicht auf die Beschneidung oder auf religiöse Indoktrinaton. Tatsächlich erklärt Frau Merkel ihre eigene Meinung zur christlichen Lehre, um daraus mehr Kraft zu deren politischer Umsetzung zu schöpfen.

pro-medienmagazin.de
„Ohne ethische Grundlagen lässt sich schlecht Politik machen.” Das erklärte Merkel am Freitag im Konrad-Adenauer-Haus. Weiter sagte sie: „Der christliche Glaube, in unserem Falle der der Protestanten, gibt uns die Kraft dazu.”

Beispiel 4: Toleranz

Welcher Politiker hatte noch gesagt, dass Christliche Werte eine Voraussetzung für Toleranz seien? Ich hatte Thierse in Verdacht, finde aber kein Zitat, nur das hier:

Also ich bin sehr dafür, dass wir generell gleich behandeln alle Formen von Ehrverletzung, von Herabwürdigung, von Beleidigung sollten ungefähr gleich behandeln. Das gilt für rassistische Äußerungen und das gilt auch für Beleidigungen religiöser Gefühle.

Thierse ist sich aber sehr wohl im Klaren, dass Luther, Bonifatius, Abraham und Moses sich durch Beleidigungen religiöser Gefühle strafbar gemacht hätten.

Zumindest Katrin Göring-Eckhardt von den Grünen zählt wider alle Vernunft und gegen das erste Gebot (das mit dem eifersüchtigen Gott) Toleranz (und Gleichberechtigung!)  zu den Christlichen Werten

Ein respektvoller Umgang miteinander, Toleranz, Gleichberechtigung, Barmherzigkeit. Die Sorge um meinen Mitmenschen verbunden mit dem Bewusstsein, ihn unabhängig von seinem kulturellen oder sozialen Hintergrund zu respektieren und zu schätzen. Das sind christliche Werte für mich.

Der Fall ist klar. Was den Gläubigen wichtig ist, wird kurzerhand zum Christlichen Wert erhoben. Wenn wir unterstellen, dass Gott gerade das will, was wir selber wollen, können wir Gott auch gleich rauskürzen. Da sind keine negativen Folgen zu befürchten.

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2 Antworten zu Das Gerede von den Christlichen Werten

  1. Pingback: The SKEPTATOR / Das Gerede von den Christlichen Werten | entropy wins!

  2. klafuenf schreibt:

    »Immer mehr Menschen leben ohne Gott. Das muss negative Folgen haben« Wird es auch für Theologen haben, wenn sie in Zukunft von Hartz IV leben müssen. Nein, wir lassen in diesem unserem Lande niemanden verhungern. Auch die, die keinen produktiven Beitrag leisten können.

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