Religion und Wissenschaft

Wer sagt, es könne geschehen, daß den von der Kirche vorgelegten Lehrsätzen einmal entsprechend dem Fortschritt der Wissenschaft ein anderer Sinn zuzuschreiben sei als der, den die Kirche gemeint hat und meint: der sei mit dem Anathema belegt.
1. Vatikanisches Konzil (1869-1870)

In der Sendung Die Notwendigkeit der Religionen in unserer modernen Gesellschaft aus der Reihe Aspekte des Islam behaupten Imtyaz Shaheen, Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat Mannheim, und Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche, dass es keinen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft gibt.

Der Islam lehrt uns klar und deutlich, dass wir die Wissenschaft nicht verneinen oder ablehnen. All die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die werden vom Islam sogar willkommen geheißen und angenommen. Also wir sehen da wirklich keinen Widerspruch zur Wissenschaft oder zur Aufklärung, …
Imam Imtyaz Shaheen

Das ist ja so alt wie die Menschheit selber, diese Spannung, die Frage zwischen Glaube und Vernunft und auch Glaube und Wissenschaft, und da einen Gegensatz aufzubauen ist einfach die Fehlleistung dabei, ganz eindeutig. Als würden die Menschen, und ja dann doch nicht ganz so wenige, in dem Moment den Verstand an der Garderobe abgeben, in dem sie sich religiös verhalten oder religiös nachdenken, …
Bischöfin Kirsten Fehrs

Das sind leere Worte, denn auch die größten religiösen Spinner sagen dasselbe:

Auch wenn wir als Jehovas Zeugen an die Schöpfungsgeschichte der Bibel glauben, sind wir deswegen nicht wissenschaftsfeindlich. Wir sind überzeugt, dass sich biblische und präzise wissenschaftliche Aussagen nicht widersprechen.
Jehovas Zeugen

There is no conflict between science and religion. Conflict only arises from an incomplete knowledge of either science or religion, or both.
Mormonen

Die Erkenntnisse, die die Wissenschaft heutzutage erreicht hat, sind identisch mit dem, was uns im Quran mitgeteilt worden ist.
Harun Yahya

Man soll bitte hinzufügen, ob man die religiösen Schriften uminterpretiert oder die  Wissenschaft passend macht:

Dennoch ist es ein wissenschaftlicher Fakt, dass die Evolutionslehre falsch ist.
Harun Yahya

Dann weiß man wenigstens, woran man ist.

Stephen Jay Gould sprach von Non-overlapping magisteria (NOMA). Wissenschaft und Religion würden sich mit unterschiedlichen Fragen beschäftigen („wie“ und „warum“) und könnten sich deswegen gar nicht in die Quere kommen. Das stimmt nicht. Mal abgesehen davon, dass die Religionen überhaupt keine Fragen beantworten, jedenfalls nicht mit nachvollziehbaren Begründungen, wagen sie sich durchaus und erfolglos in wissenschaftlich überprüfbare Bereiche.

Die meisten Wissenschaften, etwa die Newtonsche Physik und weite Teile der Chemie, Biologie und Medizin, stehen zwar in keinem Widerspruch zu den Religionen. Aber zum Beispiel die Evolutionslehre kollidiert heftig mit dem Kreationismus.

Bischöfin Fehrs würde nun wahrscheinlich einwenden, dass der Kreationismus nur eine Verirrung von wenigen Fundamentalisten sei. Es sollte mich aber nicht wundern, wenn diese „dann doch nicht ganz so wenige“, sondern weltweit in der Überzahl sind. Indem sie sich nicht von Fundamentalisten abgrenzt, während sie den Konflikt von Wissenschaft und Glaube leugnet, wertet Bischöfin Fehrs die religiösen Spinner auf.

Richard Dawkins wird oft (unzutreffend) mit der Begründung abgetan, dass er sich nur um amerikanische Fundamentalisten kümmert und den gemäßigten Glauben ignoriert. Sendungen wie Aspekte des Islam machen den umgekehrten Fehler, so zu tun, als sei die Religion durchweg vernünftig, tolerant und hilfreich.

Sehen wir uns anhand einiger Beispiele mal genauer an, wie wissenschaftsnah die großen Religionen sind.

Adam und Eva

Wahrscheinlich glauben mehr als die Hälfte der Christen und Muslime, dass die Menschheit mit zwei Personen begann. Das kollidiert mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass die menschliche Population nie aus weniger als 100 Individuen bestand. Kann man sich damit herausreden, dass die Geschichte von Adam und Eva kein Fehler in der Bibel ist sondern eine Metapher?

(Ich kann sogar verraten, was die Metapher bedeutet. Der Mensch ist irgendwann schlau genug für die Erkenntnis geworden, dass er sterben muss. Das war eine Katastrophe, denn dieses Wissen macht ihn unglücklich. (Nebenbei beschreibt die Bibel ganz richtig, dass das große Gehirn auch die Geburtsschmerzen verursacht. Es wurde sogar richtig erkannt, dass Schlangen Vorfahren mit Beinen hatten. Allerdings passt das zeitlich nicht zu den ersten Menschen.) Das Christentum erlöst vom Sündenfall, indem es das Wissen um den Tod leugnet und so die Zufriedenheit wiederherstellt. Der Mensch denkt zuviel – das Christentum schafft Abhilfe.)

Wer das Märchen von Adam und Eva mal erfunden hat, wusste wahrscheinlich, dass es nicht wahr ist. Es eine schöne Geschichte, die sinnreiche Deutungen zulässt. Aber die christliche Theologie (und auch die islamische) hat sich von Anfang an darauf festgelegt, dass es Adam und Eva wirklich gegeben hat. Paulus und Augustinus hielten Adam für historisch („Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt“). Erst aufgrund wissenschaftlicher Entdeckungen wurden Zweifel laut, die nach der Entscheidung des 1. Vatikanischen Konzils natürlich keine Auswirkung auf die Lehre der katholischen Kirche haben durften.

In einem Spiegel von 1971 fand ich aufschlussreiche Zitate dazu:

Die Summe dieser Zweifel hat der Schweizer Theologe Urs Baumann gezogen. Er enthüllt – und insofern kommt sein Buch einer Sensation nahe – ,, daß kaum ein Theologe mehr bereit Ist, die das Erbsünde-Dogma begründende biblische Erzählung vom Sündenfall Adams als historisches Protokoll ernst zu nehmen“ […]

Trotz der offenkundigen Zweifel am Erbsünde-Dogma hält die Kirche gegenüber den gläubigen Laien an eben diesem Dogma fest. Zwischen moderner Theologie und kirchlicher Praxis klafft eine Differenz. […]

Zur Begründung beruft sich das kirchliche Lehramt auch heute noch vor allem auf die Paradies- und Sündenfall-Erzählung im Ersten Buch Moses (Genesis) des Alten Testaments, deren „historischer Wortsinn“ laut Dekret der päpstlichen Bibelkommission nicht bezweifelt werden darf. […]

„Christgläubige“, so verordnete der Papst, dürften sich nicht „der Auffassung anschließen, deren Anhänger entweder behaupten, nach Adam habe es hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben, die nicht auf Ihn als den Stammvater aller durch natürliche Zeugung zurückgingen, oder Adam bezeichne eine Vielzahl von Stammvätern“. Derartige Auffassungen ließen sich nämlich nicht mit dem vereinbaren, was die Offenbarung und „die Akten des kirchlichen Lehramts über die Erbsünde sagen“. …

Wer nicht für so dumm gehalten werden will, dass er an Adam und Eva glaubt, muss sich auch von der Erbsünde verabschieden.

Die unsterbliche Seele, Himmel und Hölle

Alle Weltreligionen glauben an ein Leben nach dem Tod, aber aus wissenschaftlicher Sicht sind unsere Gefühle und unser Denken an das Gehirn und den Körper gebunden.

Moderne Gläubige sehen im Himmel oder Paradies nur ein seliges Verschmelzen mit dem Weltgeist bzw. in der Hölle das Getrenntsein von Gott. Aber das war nicht immer so und steht im Widerspruch zu den heiligen Texten, wie sie jahrhundertelang gelehrt wurden. Laut Koran kommen in Himmel und Hölle bis in die Fingerspitzen neu erschaffene Körper an, die dort sogar essen und trinken. Auch das Christentum spricht von körperlichen Himmelfahrten und vom leeren Grab. Die katholische Kirche hat ihre Lehre erst 1950 dahingegend geändert, dass auch Maria körperlich in den Himmel aufgenommen wurde.

In der Bibel und im Koran stehen die Himmel in der Mehrzahl. Das entspricht dem antiken Weltbild, das durch die Beobachtung sieben beweglicher Himmelskörper entstanden war. Die moderne Wissenschaft kennt keine sieben Himmel und keinen Platz für das Paradies und die Hölle.

Historisch kritische Textanalyse

Noch eine Wissenschaft, die im Widerspruch zu den Religionen steht, ist jene, die sich mit der Entstehung der heiligen Texte beschäftigt. Hinzufügungen in Bibel und Koran sind gut belegt, passen aber nicht in die Entstehungsgeschichte, wie sie von den Religionen gelehrt wird.

Die Evangelien sind nicht von den Autoren, deren Namen sie tragen, und die Bücher Moses sind nicht von Moses, und er hat wahrscheinlich nie gelebt. Die Gefangenschaft in Ägypten und die Eroberung des Gelobten Landes sind nicht historisch, werden aber in der Bibel und im Koran als historisch dargestellt.

Der Glaube hat nicht nur Inhalte, die der Wissenschaft widersprechen, vor allem sind seine Methoden zum Erkenntnisgewinn unwissenschaftlich und unvernünftig. Anstatt aus Beobachtungen Schlussfolgerungen zu ziehen, werden unplausible Annahmen als Wahrheit vorausgesetzt und mythische Gestalten als Quellen der Weisheit.

Wer sich beschwert, dass er wegen seines Glaubens ausgelacht wird, soll sich vom Glauben an die jungfräuliche Geburt und das leere Grab distanzieren. Dasselbe gilt für den Exorzismus, die Transsubstantiation, das angebliche Grabtuch, das Blutwunder des Januarius; beziehungsweise für die Verkündung des Korans durch den Erzengel Gabriel, die Erschaffung Adams aus Lehm, den Himmelsritt Mohammeds, usw.

Die etablierten Religionen haben genügend Inhalte, die an die Absurditäten der Mormonen und Cargokulte heranreichen. Die Gläubigen müssen entweder diese Inhalte oder ihre Vernunft an der der Garderobe abgeben.

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3 Antworten zu Religion und Wissenschaft

  1. Thomas schreibt:

    Keine Religion basiert auf Glauben oder Aberglauben. Jede Religion ist konstruierter Aberglauben. Monogötter waren und ist das Licht und der Wille des Herrschers. Religionen sind Macht- und Herrschaftssysteme. Quelle: Buch Gottesoffenbarung – Aufklärung Gott und Christentum

    • kereng schreibt:

      Bei Paulus, bei Luther, und andeutungsweise auch im Koran finden wir die Aufforderung, der Regierung zu gehorchen, weil sie von Gott eingesetzt wurde. Trotzdem denke ich, dass es stärkere Gründe für die Religionen gibt: Todesverdrängung, Selbstwertgefühl, Gruppendruck und ehrliche Signale.

      • Thomas schreibt:

        @kereng
        Leider hast Du mich missverstanden.
        Ich sagte: Keine Religion basiert auf Glauben oder Aberglauben. Jede Religion ist logisch konstruierter Aberglauben.

        Natürlich hast Du recht, wenn Du schreibst, dass man aus unterschiedlichen Gründen einer Religion beitretet z.B. Feste feier, Menschen treffen, Denkanreize, Rituale (Taufe, Hochzeit …) … und auch Gruppendynamik. Heutzutage geht es meistens um soziale Stellung, Geld und weitere Vorteile welche die Kirche anbieten kann z.B. Jugendgruppen … also Nachwuchsförderung

        Der Grund aber warum es Religionen gibt und diese von Staaten gefördert werden ist es Menschen zu sozialisieren, führen, formen, trösten (damit diese weiterhin in ihrer sozialen Position verharren), programmieren, nutzen …

        Die Jesusmärchen sind logisch konstruiert, alle Dogmen (Lehrsätze) sind logisch. In Religionen geht es darum Menschen mit Märchen zu führen.

        Wir müssen hier unterscheiden warum der einzelne eine Religion beitretet und der eigentliche Sinn einer Religion.

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