Variationen von Pascals Wette

It seems to me a fundamental dishonesty and a fundamental treachery to intellectual integrity to hold a belief because you think it’s useful and not because you think it’s true.                                                       Bertrand Russell

Pascals Wette ist wohl jedem bekannt: Es sei vorteilhaft, auf Gott zu setzen, denn wenn es ihn gibt, hat man nach dem Tod einen großen Gewinn, und wenn es ihn nicht gibt, ist der Verlust gering.

Welche Fehler darin stecken, kann man bei Wikipedia, Volker Dittmar, Florian Freistetter, Peter Möller und vielen anderen Internetseiten lesen. Erstens ist Gott nicht klar definiert. Soll man nun an Allah, Zeus oder Shiva glauben? Daraus ergibt sich zweitens, dass man keine Fifty-Fifty-Wahrscheinlichkeit hat, sondern der Gott auf den man wettet, einer von vielen ist und folglich eine geringe Wahrscheinlichkeit hat. Wenn man beim Roulette auf die 13 setzt, steht auch einem großen Gewinn ein geringer Verlust gegenüber, aber der Erwartungswert ist trotzdem negativ. Drittens kann man nicht einfach so glauben, egal ob damit „vertrauen“ oder „vermuten“ gemeint ist, und ein Lippenbekenntnis würde vor keinem allwissenden Gott bestehen.

Dem Wikipedia-Artikel entnehme ich, dass Pascal den dritten Einwand dadurch zu entkräften versuchte, dass er vorschlug, man solle „zunächst die Freuden des gottlosen Lebens aufgeben, dann werde sich der Glaube auch einstellen“. Damit wird allerdings der Einsatz, den man auf jeden Fall verliert, erheblich größer.

Die Sicht des Gläubigen

„Warum soll ich mich mit Bibelforschung und Wissenschaft beschäftigen? Wenn ich richtig liege, ist alles gut. Wenn ich falsch liege, habe ich auch nichts verloren.“

Wenn man sich schon für eine Religion entschieden hat, wirkt die pascalsche Wette vernünftiger. Die Vielzahl der Götter und die Unfähigkeit zu glauben fallen weg. Von außen betrachtet kann mir aber jemand, der auf „die Freuden des gottlosen Lebens“ verzichtet, nur leid tun.

Eine türkische Wette

Die hinreißende Morgan Elizabeth Romano erzählte vorgestern auf der internationalen atheistischen Konferenz in Köln, es sei nicht leicht zu sagen, wie viele Atheisten es in der Türkei gebe. Zwar kann man auf dem Meldeformular das Kästchen für die Religionszugehörigkeit leer lassen, aber das würde einem nur Nachteile einbringen. Bei dieser „Wette“, bei der ein Lippenbekenntnis ausreicht, entscheiden sich also auch Atheisten für den Glauben.

Die Wette der Politiker

„Wenn ich Atheist bin, verprelle ich die Gläubigen. Wenn ich religiös tue, sehen die Nichtreligiösen das als entschuldbare Macke an, oder es ist ihnen egal.“

Zudem gibt es den „belief in belief„. Wer religiös ist, wird auch von Angehörigen anderer Religionen, teilweise sogar von Konfessionslosen, für moralisch gehalten.

Die Dieter-Bohlen-Wette

„Wer meine Musik mag, bekommt 1000 Euro“

Nein, das gibt es nicht wirklich. Es soll nur die Unfähigkeit zu glauben illustrieren. Ich könnte zwar sagen, dass ich Modern Talking mag, nur um das Geld mitzunehmen, aber diese Musik würde mir weiterhin Qualen bereiten. Ebenso wie Bohlens Angebot nichts zur Qualität seiner Musik beitragen würde, trägt die pascalsche Wette nichts zur Glaubwürdigkeit Gottes bei.

Wallys Wette

Ich hörte mal eine Unterhaltung mit, was für ein Rüpel mein Freund Wally sei, und warf ein, ich hätte ihn nur als perfekten Gentleman kennengelernt. Dann kenne ich ihn aber schlecht, hieß es. Erst Gestern hätte er jemanden, den er nicht mag, absichtlich mit dem Auto angefahren. Umso wichtiger, sein Freund zu sein!

Diese Variante zeigt einen weiteren Makel der pascalschen Wette. Der Gott der Bibel ist kein Gentleman. Ihn in Aussicht einer Belohnung lobzupreisen, mag zwar den Geboten der Bibel entsprechen, ist aber nicht mit meinem Gewissen zu vereinbaren.

Bei dem Russell-Zitat, das ich diesem Beitrag vorangestellt habe, geht es übrigens gar nicht um Pascals Wette, sondern um die angeblichen nützlichen Aspekte des Glaubens wie Moral, Trost oder Zuversicht.

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