Rosinenpickerei

Glaubt ihr denn an einen Teil des Buches und leugnet einen anderen Teil?
Koran 2:85

Es ist erstaunlich, wie schlecht Experten, die sich beruflich mit dem Glauben beschäftigen, ihre heiligen Schriften kennen – oder sie blenden einen Teil davon aus. In den letzten zwei Wochen sind mir drei Beispiele aufgefallen.

Der Philosoph Markus Tiedemann hat in der Frankfurter Rundschau eine Kolumne namens Lieber Fanatiker, in der er mich unter anderem durch die Aussage verblüffte, es wäre „ein harter Schlag für jeden Atheisten“, wenn die Menschen dazu neigen, Götter zu erfinden. Unter der Überschrift Kann ein Atheist ein guter Mensch sein? stellte er letztens die Frage

1.Ist es böse, nicht zu glauben?

und erklärte:

Wer Frage Nr. 1 mit „Ja“ beantwortet, widerspricht der Logik und den heiligen Schriften.

Damit mag Tiedemann sogar recht haben. In den heiligen Schriften wird man zu so ziemlich jeder Meinung einen Widerspruch und eine Bestätigung finden, weil die Bibel und der Koran beide in sich widersprüchlich sind. Im Koran hat er dies gefunden (2,256):

Es gibt keinen Zwang im Glauben.

  Aus der Bibel hätte er die Bergpredigt (Matthäus 5,45) zitieren können:

Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Es muss ihm aber auch klar sein, dass Verse mit der umgekehrten Aussage weit häufiger sind. Z.B. Koran 8.55:

Wahrlich, schlimmer als das Vieh sind bei Allah jene, die ungläubig sind und nicht glauben werden ;

Bibel, neunter Psalm:

Ach daß die Gottlosen müßten zur Hölle gekehrt werden, alle Heiden, die Gottes vergessen!

Bibel, Johannes 3,36:

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Bibel, 2. Thessalonicher – Kapitel 1,7:

… wenn er mit Feuerflammen Rache nehmen wird an denen, die Gott nicht anerkennen …

Ömer Özsoy vom Institut für Islamwissenschaft der Universität Frankfurt hat ebenfalls einen ausgeprägten blinden Fleck. Im Deutschlandfunk behauptete er, dass „Islam“ nicht die spezielle angeblich von Mohammed begründete Religion bedeute, sondern ganz allgemein die Hingabe an Gott. Insofern sei Sure 3.19 nicht ausgrenzend zu verstehen:

Siehe, die Religion bei Gott ist der Islam.

Er findet sogar eine Stelle, die angeblich andere Religionen akzeptiert:

In den Versen 111 und 112 der Sure 2 lehnt der Koran selbst jeden Monopolanspruch am Beispiel von Juden und Christen vehement ab: „Und sie sprechen: ‚Nimmer geht ein ins Paradies ein anderer außer Juden oder Christen.‘ Solches sind ihre Wünsche. (…) Nein; Wer sein Angesicht Gott hingibt und Gutes tut, der hat seinen Lohn bei seinem Herrn.

In Übereinstimmung mit dieser koranischen Grundlage ist die religiöse Tradition eines jeden Gläubigen als sein Zuhause zu betrachten. Niemand könnte es ethisch legitimieren, das Kind einer Nachbarsfamilie, das zu Hause glücklich ist, zu entführen und ins eigene Heim zu locken.

Der Koran bietet hier eine Perspektive, indem er die Muslime nicht nur als Mitglieder der islamischen Familie anspricht, sondern auch als Bewohner eines Viertels, einer Nachbarschaft. Gott ist nicht nur an der muslimischen Familie interessiert, sondern er gibt sich als Beschützer der gesamten Nachbarschaft zu erkennen.

Der Koran befiehlt aber, in dieser Nachbarschaft keine Freundschaften zu schließen:

5.51. Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden!

Juden und (trinitarische) Christen sind laut Koran ungläubig:

9.30. Und die Juden sagen, Esra sei Allahs Sohn, und die Christen sagen, der Messias sei Allahs Sohn. Das ist das Wort aus ihrem Mund. Sie ahmen die Rede derer nach, die vordem ungläubig waren. Allahs Fluch über sie! Wie sind sie (doch) irregeleitet!

5.72. Ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist Christus, der Sohn der Maria.“ …
5.73. Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Dritte von dreien“; und es ist kein Gott da außer einem Einzigen Gott. Und wenn sie nicht von dem, was sie sagen, Abstand nehmen, wahrlich, so wird diejenigen unter ihnen, die ungläubig bleiben, eine schmerzliche Strafe ereilen.

19.88. Und sie sagen: „Der Allerbarmer hat Sich einen Sohn genommen.“
19.89. Wahrhaftig, ihr habt da etwas Ungeheuerliches begangen!

Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hat in einem Vortrag im Eichsfeldforum gesagt, „nirgendwo im Alten Testament komme der strafende Gott vor, sondern der gerechte und das bedeute gerecht im Sinne von aufrichten, etwas (gerade) richten“. Das erinnert an den Katholiken Andreas Khol, der in einer Diskussion mit dem Atheisten Niko Alm behauptete „Die Hölle steht in keiner Bibel.

Hat Dr. phil. habil. Dr. theol. h.c Gerl-Falkovitz denn noch nie von der Hölle, der Sintflut oder von Sodom und Gomorrha gehört? Hat sie das erste Gebot nie vollständig gelesen?

Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.

Oder 5. Moses 32,35:

Die Rache ist mein; ich will vergelten.

Wie kann es sein, dass ausgewiesene Experten mit so offensichtlichen Lügen die Religionen weißwaschen wollen? Daniel Dennett nennt das Vorurteil, Religion sei unabhängig von ihrem Inhalt etwas Gutes, belief in belief. Der Podcast Reasonable Doubts hat eine Rubrik God thinks like You. Vielleicht meinen Tiedemann, Özsoy und Gerl-Falkovitz tatsächlich, dass in den heiligen Schriften das gemeint ist, was sie dort gerne hätten, und sie deswegen den Rest ignorieren können.

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