Katholische Sprache

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“
Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln

Es gibt Momente, da denke ich, dass mich von religiösen Menschen vor allem die Sprache trennt. Mit den merkwürdigen Verwendungen der Wörter „Gott“ und „Wahrheit“ habe ich mich in früheren Beiträgen schon beschäftigt. Michael Schmidt-Salomon hat es in seiner Besprechung des Films Religulous (deswegen „Religioten“) so ausgedrückt:

Bedauerlicherweise führt der ungewöhnliche Sprachgebrauch der Pseudo-Religioten immer wieder zu Missverständnissen. So habe ich mich in den letzten Jahren regelmäßig auf öffentlichen Podiumsdiskussionen mit Theologen gestritten, die, wie ich beim abschließenden Biere feststellen konnte, in Wirklichkeit keine Spur gläubiger waren als ich.

Pseudo-Religioten machen sich manchmal einen Spaß daraus, Religionskritiker, die mit guten Gründen vor den Gefahren der Religiotie warnen, aus der Fassung zu bringen. Unvergessen etwa der Moment, in dem der EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber bei „Kerner“ Richard Dawkins darüber aufklärte, dass die Hölle, wenn sie denn existiere, „leer“ sei. Ich für meinen Teil habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass „Pseudo-Religiotisch“ eine Art „Dialekt“ ist, den ich als Rationalist ebenso wenig verstehen kann wie ein Oberbayer das Ostfriesische. Kapiert habe ich aber zumindest, dass für Pseudo-Religioten Wörter wie „Auferstehung“, „Schöpfung“, „Hölle“, „Himmel“, „Gott“, „Teufel“, „Wunder“ oder „Dämonen“ gänzlich andere Bedeutungen zu haben scheinen als für jeden anderen, der diese Worte gebraucht. Welche Bedeutungen dies genau sind, vermochte ich bislang trotz aller Anstrengungen zwar nicht zu eruieren […]

Der katholische Theologieprofessor Dr. Klaus von Stosch hat freundlicherweise Matthias Krause vom Ketzerpodcast in einem Interview die Semantik der Katholischen Sprache erläutert.


Was meine Schwierigkeiten mit den Begriffen „Gott“ und „Wahrheit“ angeht, beseitigt von Stosch gleich alle Klarheiten mit der Formulierung

Wahr ist allein Gott selbst. (Minute 26:08)

Danach erklärt er das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel, welches bekanntlich erst 1950 festgelegt wurde. „Maria“ steht nicht für die Mutter Jesu, sondern

Alle Marienaussagen sind immer Aussagen über die Menschheit. (Minute 36:30)

Dass mit „Himmel“ nicht Himmel gemeint sein kann, ist zu selbstverständlich, um es extra zu erwähnen. Mit „Leib“ ist nicht etwa der Körper gemeint, sondern er steht für den ganzen Menschen. Wir wissen ja heute, dass der Dualismus Seele-Körper eine Täuschung ist. Man kann ohne das Gehirn nicht denken oder fühlen. Von Stosch sieht sich voll im Einklang mit der modernen Wissenschaft, wenn er erklärt:

Der ganze Mensch wird von Gott gerettet, nicht nur die Seele, nicht nur das Denken […] Der katholische Glaube hat Hoffnung für jeden Menschen über den Tod hinaus. […] Das ist eben Kern des christlichen Glaubens von Anfang an, Teil auch schon des allerersten Glaubensbekenntnisses: „Wir glauben an die Auferstehung der Toten“. Und da glauben wir nicht nur an eine Auferstehung von Seelen, sondern an die Auferstehung der Leiber. Und mit dem Leib ist wie gesagt nicht der Körper gemeint, also, wenn Sie mir ein Grab von Maria zeigen würden würde ich nicht glauben, dass da kein Leichnam drin ist. Das gilt übrigens auch für das Grab Jesu. (Minute 38:00)

Wieder sind alle Klarheiten beseitigt. Was war doch gleich der Unterschied zwischen Leib und Körper, und wie funktioniert das Leben nach dem Tod? Ist „nach dem Tod“ vielleicht ein katholischer Ausdruck für „vor dem Tod“? Wovor wird der Tote „gerettet“?

Von Stosch verkauft seine Aussagen als Mainstream unter gebildeten Katholiken. Dann sollte man doch schnell eine Erklärung ergoogeln können. Bei der Karl-Leisner-Jugend aus  Münster, wo offenbar ausgebildete Theologen schreiben, habe ich Folgendes gefunden:

Nein, wenn die Christen die bahnbrechende Botschaft von der Auferstehung verkündeten, dann meinten sie damit die leibliche Auferstehung, die Auferstehung der Toten mit und in ihren Leibern. Das war die Sensation – und dafür war Jesus der Garant. Deshalb war für die Christen das leere Grab so entscheidend; es war wichtig, dass Jesus seine Wundmale noch am Leib trug. Dass er nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gegessen und getrunken hat: Das war die Sensation.

Im Widerspruch zu von Stoschs Vorstellung war das leere Grab demnach doch entscheidend. Das meinte auch Erzbischof Degenhardt, der Eugen Drewermann gerade das Predigen verboten hatte, in einem Spiegel-Interview von 1992:

Degenhardt: Das zentrale Glaubensbekenntnis nicht nur der katholischen, sondern auch der evangelischen und der orthodoxen Christen ist dies: Gott hat an dem Gekreuzigten, dem im Grabe Liegenden, gehandelt und ihn am dritten Tage von den Toten auferweckt. Es ist eine leibliche Auferstehung.

Spiegel: Leibliche Auferstehung und leeres Grab hängen also zusammen, das eine kann es nicht geben ohne das andere?

Degenhardt: Davon bin ich überzeugt. Ich sehe einen Widerspruch darin, wenn einerseits gesagt wird, der Gekreuzigte ist mit einer neuen verklärten Leiblichkeit auferstanden, und andererseits der Leichnam im Grabe geblieben wäre.

Spiegel: Also muß das Grab für katholische Christen leer gewesen sein?

Degenhardt: Vom leeren Grab wird in allen vier Evangelien berichtet. Dieser Befund ist völlig eindeutig. 

Außer zur Himmelfahrt und zum leeren Grab vertritt von Stosch auch zu anderen vermeintlichen katholischen Glaubensinhalten überraschende Auffassungen:

Kein Katholik glaubt natürlich, dass es Adam und Eva jemals wirklich gab […] kein gebildeter Katholik. (2:03:37)

Wenn das [die Erbsünde] bedeuten würde, Adam hat irgendeine Sünde begangen und dann später vererbt, das wäre natürlich positiv irrational, sowas zu glauben. Und das widerspricht nicht nur dem anderen Dogma [Gerechtigkeit Gottes], sondern das widerspricht ja auch jeglicher Vernunft, schon für sich, dass man Sünden vererben kann. (1:51:40)

Jungfräulichkeit [Mariens] vor während und nach der Geburt. Das würde ja biologisch überhaupt keinen Sinn ergeben. Das würde ja bedeuten „während der Geburt“, dass Jesus per Kaiserschnitt oder per Wunder zur Welt gekommen ist. Oder „nach der Geburt“ würde bedeuten, dass alle Geschwister Jesu gar keine Geschwister sein können. (42:30)

Alles am katholischen Glauben ist vollkommen rational (1:08:30)
Wenn man den katholischen Glauben richtig versteht, ist er in allen Punkten zutieft rational (1:28:20)
Alles was zur moralischen Lehre der Kirche gehört … kann man auch mit Mitteln der Vernunft ableiten. (2:00:20)

Der Kirchenvater Augustinus war nach der Darstellung von Stoschs offenbar ungebildet und vertrat irrationale Lehren, die keinen Sinn ergeben. Denn er glaubte an Adam und die Erbsünde und beschrieb die Jungfrauengeburt als „in utero non seminato„, was doch sehr biologisch klingt. Im Katechismus von 1997 ist zu lesen:

499 Ein vertieftes Verständnis ihres Glaubens an die jungfräuliche Mutterschaft Marias führte die Kirche zum Bekenntnis, daß Maria stets wirklich Jungfrau geblieben ist , auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes. Durch seine Geburt hat ihr Sohn ,,ihre jungfräuliche Unversehrtheit nicht gemindert, sondern geheiligt“. Die Liturgie der Kirche preist Maria als die ,,allzeit Jungfräuliche“.

500 Man wendet manchmal dagegen ein, in der Schrift sei von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede. Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, daß sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen.

Von Stosch hält aber nicht viel von Katechismen:

Der Katechismus hat nicht den Rang eines infalliblen Lehrzeugnisses. (1:18:25) […] Schon der jetzige Papst würde sicher einen ganz anderen Weltkatechismus schreiben. (1:20:42)

Zumindest widerlegt der Katechismus von Stoschs Darstellung, dass nur die Neuen Atheisten und andere ungebildete Deppen die jungfräuliche Geburt wörtlich nehmen, während die Theologen sie seit Jahrhunderten nicht biologisch sondern nur metaphorisch interpretieren. Im Internet werden Ansichten, wie von Stosch sie vertritt, von Katholiken scharf kritisiert:

Dr. Ludwig Neidhart, Theologe und Philosoph, bei Catholic-Church.org:

Auch evangelische und sogar katholische Theologen wenden sich heute oft gegen ein wörtliches Verständnis der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens. Die Katholische Kirche hält demgegenüber daran fest, dass Maria zeitlebens Jungfrau geblieben ist und folglich außer Jesus keine weiteren Kinder hatte.

Michael Hesemann bei kath.net:

Er [Häfner] macht Josef zum leiblichen Vater Jesu, obwohl der Text das Gegenteil erklärt

Oberlinner erregte 1975 Aufsehen, als er behauptete, die „Brüder“ Jesu, von denen in den Evangelien die Rede ist, seien leibliche Söhne Mariens, die Jungfräulichkeit der Gottesmutter überhaupt nur symbolisch zu verstehen.

Der Spiegel vom 25.05.1987 über Uta Ranke-Heinemann

Dabei hatte sie die Kirchenoberen mit dem Bekenntnis erschreckt: „Ich kann nicht an die biologische Jungfräulichkeit Mariens glauben.“

Uta Ranke-Heinemann verlor 1987 ihre Lehrbefugnis, weil sie das Glaubensbekenntnis wegen der Worte „geboren von der Jungfrau Maria“ nicht unterschreiben wollte. Hat sie denn nicht gewusst, dass „Maria“ eigentlich „Menschheit“ bedeutet und dass „Jungfrauengeburt“ nur meint, dass „Gott bestimmt, ob er in unser Leben tritt“? Oder war ihr diese Geheimsprache zuwider?

Wie von Stosch hat auch die ehemalige protestantische Bischöfin Jepsen kein Problem damit,  die Worte nachzusprechen, die sie nicht glaubt. Zudem hat sie offenbar nicht davon gehört, dass die Katholiken nicht mehr an die Jungfrauengeburt glauben (taz 15.5.2010).

Jepsen: Es ist keine biologische Aussage aus meiner Sicht.

taz: Das trennt Sie klar von der katholischen Auffassung.

Jepsen: Das trennt mich klar von der katholischen und orthodoxen Auffassung – für die Maria sogar die immerwährende Jungfrau ist. Wir Protestanten bekennen im Glaubensbekenntnis ja auch: „Geboren von der Jungfrau Maria.“ Das kann ich gut nachsprechen, weil ich die Glaubensaussage teile, dass Jesus von Anfang an von Gott gewollt, in die Welt geschickt und ein besonderer Mensch ist, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Da interessiert mich die biologische Wertung überhaupt nicht.

Hier ist auch mal ein Link, der von Stosch zustimmt, leider wieder nur evangelisch:

„Empfangen durch den heiligen Geist“ bringt zum Ausdruck, dass bereits bei Jesu Zeugung Gott in geheimnisvoller Weise gewirkt hat. Diese Aussage ist ebenso wie die Aussage „geboren von der Jungfrau Maria“ nicht biologisch zu verstehen, also nicht als unnatürliche Zeugung. Jeder weiß, dass eine Frau ohne Befruchtung durch einen Mann kein Kind bekommen kann.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren konnte man also die „Kirchenoberen“ noch damit erschrecken, dass man als Theologe die Jungfernschaft Mariens nicht wörtlich nimmt. Heute behauptet von Stosch, dass jeder denkende Katholik weiß, dass es nur symbolisch gemeint ist. Amüsant ist dabei, dass sowohl von Stosch als auch seine Gegner so tun, als sei die Kirche schon immer ihrer Meinung gewesen. Die entsprechenden Stellen sind grün hervorgehoben.

Im Bekanntenkreis und in Internetforen habe ich versucht, herauszubekommen, ob die Katholiken Dr. von Stosch akzeptieren oder ihm die Lehrbefugnis entziehen möchten. Unter den fünf bis sechs Antworten war nur eine, die von Stosch widerspricht. Die typische Reaktion war, mir gereizt (wie ein getroffener Hund?) vorzuwerfen, ich hätte merkwürdige Vorstellungen vom katholischen Glauben. Dabei hatte ich doch bloß päpstliche Enzykliken und den Katechismus zitiert.

Dass der katholische Glaube rational ist, kann ich nicht nachvollziehen, aber in einem Punkt hat von Stosch recht. Der gebildete Katholik glaubt nicht an die Existenz von Adam und Eva und nicht an die Jungfrauengeburt, hat aber auch kein Problem damit, der Formulierung „geboren von der Jungfrau Maria“ und einer passend gemachten Auslegung der Erbsünde zuzustimmen. Irgendwie kommen diese aufgeklärten Katholiken aber nicht in die Position, an Katechismen oder Enzykliken mitzuwirken.

Eugen Drewermann, dem die Lehr- und Predigtbefugnis entzogen wurde, in einem Spiegel-Interview von 1991:

Spiegel: Sind die heutigen Bischöfe, was dieses Thema [Jungfrauengeburt] angeht, so weit hinter der Theologie zurück wie die Bischöfe zur Zeit Galileis hinter der Naturwissenschaft?

Drewermann: Zweifellos, und das gilt nicht nur für dieses Thema. Sie wollen den katholischen Christen einen Glauben aufzwingen, der seit mindestens 150 Jahren überholt ist. Sie handeln so, als habe es in dieser Zeit keine historisch-kritische Erforschung der biblischen Texte gegeben.

Über Katholiken, die selber nicht über ihren Glauben nachdenken, hatte von Stosch im Ketzerpodcast-Interview gesagt, dass ihr Glaube trotzdem vernünftig ist, weil er ja von Experten ausgearbeitet wurde:

Sie vertrauen darauf, dass die katholische Kirche … dafür sorgt, dass der Glaube rational reflektiert wird (1:11:16)

Da befindet sich von Stosch ausnahmweise in voller Übereinstimmung mit den kritisierten konservativen Bischöfen. In einem Spiegel-Interview von 1992 hatte Bischof Karl Lehmann, damaliger Vorsitzender der Bischofskonferenz, gesagt:

Um der Wahrheit und der Klarheit willen dürfen die Bischöfe notfalls auch vor einem Verbot nicht zurückschrecken. Die Menschen der Kirche haben einen Anspruch darauf, von den Bischöfen verbindlich zu erfahren, worin der Glaube der Kirche besteht.

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