Das langsame Fenster und der voreilige Spiegel

In Jerry Coynes Blog »Why Evolution is true« wurde im September die Natürliche Theologie des Physikers Freeman Dyson vorgestellt. Dyson ist durchaus intelligent und gebildet und hat z.B. die Dyson-Sphäre erdacht. Seine religiösen Ansichten sind allerdings so verschroben, dass es zum Templeton-Preis (2000) gereicht hat. Hier ist ein Ausschnitt aus seiner Dankesrede (meine Übersetzung, also vielleicht nicht ganz exakt):

Atome verhalten sich im Labor merkwürdig, eher wie Akteure als wie leblose Substanzen. … Es sieht so aus, als habe in jedes Atom einen eigenen Willen, zumindest was seine Fähigkeit angeht, Entscheidungen zu treffen. … Ich denke, dass Atome, Menschen und Gott geistige Fähigkeiten haben, die sich nur quantitativ aber nicht qualitativ unterscheiden.

Das erinnert sehr an Deepak Chopra. Aktuell ging es aber in »Why Evolution is true« um ein neueres Interview mit Dyson im Business Insider. Jerry Coyne regt sich mit Recht über die Aussage auf, nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Religion würde zum Wissen über die Welt beitragen. Dyson:

Ich benutze gerne die Metapher »Fenster«. Das Wissenschaftsfenster gibt uns eine Sicht der Welt, und das Religionsfenster gibt uns eine völlig andere Sicht. Man kann nicht durch beide gleichzeitig sehen, aber beide sind wahr.

Die beiden Fenster wurden in den Kommentaren von einem gewissen Kevin treffend als ein Fenster und ein Spiegel entlarvt. Bei seinem folgenden Argument für Gott versucht Dyson aber doch, durch beide Fenster gleichzeitig zu sehen.

Uns wurden diese faszinierenden Fähigkeiten für Musik und Mathematik und Malerei und Langstreckenlauf gegeben. Ich meine, wir sind unter allen Tieren am besten im Langstreckenlauf. Warum nur? Es ist faszinierendend. Überflüssige Gaben, die man nicht wirklich zum Überleben braucht. … Wir sind ziemlich faszinierendend. Wenn ich diese Ansammlung verschiedener Fähigkeiten in einer Tierart betrachte — in Darwins Evolutionstheorie kann ich nichts finden, was das bewirkt haben könnte. Es scheint eine Art Wunder zu sein.

Abgesehen davon, dass der Mensch nicht alle anderen Tiere auf langen Strecken schlägt, ist das nur ein Argument from incredulity oder ein Argumentum_ad_ignorantiam.

Volker Dittmar hat neulich in Bremen einen Vortrag über die Argumente für Gott gehalten, und wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich durchweg um solche Denkfehler. Interessanterweise hält er es als ehemaliger Katholik nicht für nötig, Gott zu definieren. Da er selber geglaubt hat, weiß er, woran die anderen glauben, und muss sich mit grundlegenden Definitionen nicht lange aufhalten. Ich fände es schon wichtig, zu betrachten, ob der »erste Beweger« überhaupt Ähnlichkeit mit Gott hat. Alex Vilenkin stellt in seinem Buch Kosmische Doppelgänger  ein Stückchen »falsches Vakuum« an den Beginn unseres Universums, das schwerlich mit irgendeinem Gottesbild zu vereinbaren ist.

Wenn man beweisen will, dass es eine gerade Primzahl gibt, braucht man die Definitionen von »gerade« und von »Primzahl«, und kann so zeigen, dass die 2 alle Voraussetzungen erfüllt. Wenn man man beweisen will, dass es heute noch Dinosaurier gibt, hilft einem die Definition, dass alle Nachfahren von Dinosauriern wieder Dinosaurier sind, und man kann den nächstbesten Vogel als Beweis anführen. Wenn man Gott definiert als »das, woran die Christen glauben«, könnte ein Beweis gelingen, aber man landet nur in der Ideenwelt (so wie bei der geraden Primzahl). Es wäre also auch nützlich, »es gibt« zu definieren. Wäre ein transzendenter Gott, der nicht in die Welt eingreift, überhaupt real, oder führt die Transzendenz nicht nach außen, sondern nach innen wie Dysons Spiegel?

Auch Volker Dittmars Behandlung des Feintuning-Arguments gefällt mir nicht. Ich bin da eher bei Vilenkin mit den Multiversen, unter denen trivialerweise diejenigen bewohnbar sind, die geeignete Naturkonstanten aufweisen. Wer meint, dass die Multiversentheorie unwissenschaftlich ist, weil sie nicht widerlegbar ist, sollte sich klarmachen, dass es auch unwissenschaftlich ist, Multiversen auszuschließen. Und genau das braucht man ja, um mit »Feintuning« Gott zu beweisen.

Aber ich schweife ab. Eigentlich sollte es in diesem Blog-Eintrag um den Spiegel und das Fenster gehen. Die Argumente für Gott durch Staunen über das Innenleben (Kant) oder über die Natur (Paley) haben damit zu tun. Letzteres ist sogar ein katholischer Lehrsatz. Glaubenswahrheit.org:

Die Schöpfung redet von Gott, so wie ein Werk von seinem Werkmeister spricht. Der niederströmende Regen, die leuchtende Sonne, die Blumen des Feldes, die Vögel des Himmels, die Sperlinge auf dem Dache, sie alle künden von dem, der sie geschaffen hat. Wegen dieses Zusammenhanges hat das I. Vatikanische Konzil erklärt: »Der eine und wahre Gott, der Schöpfer und Herr, kann vermittels der natürlichen Dinge kraft des natürlichen Lichtes der Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden.«

Die “alte Messe” im Bistum Speyer kommentiert:

Zusammenfassend lässt sich erstaunlicherweise feststellen, dass »in tiefster Herzenstiefe« alle Menschen das gleiche denken: Gott existiert.

Anders ausgedrückt, hat der Glaube mit Empfindungen zu tun und nicht mit Überlegungen über Beobachtungen.

Ray Comfort meint, der Schluss von der Natur auf Gott sei so »offensichtlich« oder »einleuchtend«, dass er den Film »The Atheist Delusion — Why Millions Deny the Obvious« darüber gemacht hat, wie er angeblich Atheisten überzeugt. Dabei ist das Argument so gottserbärmlich, dass es nur in Verbindung mit dem Bestätigungsfehler (engl. confirmation bias) lebensfähig erscheint. Wer schon an Gott glaubt, kann sich seinen Glauben mit Scheinargumenten rationalisieren.

Im Buch Thinking, Fast and Slow (2011) hat Daniel Kahneman nicht direkt das wissenschaftliche und das religiöse Denken thematisiert, sondern das »schnelle« (unbewusste, emotionale) und das »langsame« (bewusste, logische). Die Gemeinsamkeiten sind aber offensichtlich. So wie man intuitiv durch die Beobachtung der Sonne auf die Idee kommt, sie würde sich um die Erde bewegen, kann man schnell auf die Idee kommen, jemand habe die Welt erschaffen und würde ihren Lauf überwachen. In beiden Fällen hält die Intuition einer gründlichen Überprüfung nicht stand.

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