Verhältnis von Wissenschaft und Religion: Bullshit-Bingo

Gerade hatte ich über den nicht vorhandenen Beitrag der Religion zum Wissen über die Welt gebloggt, da fand ich im Atheist Media Blog noch eine Buchempfehlung der Tagespost,  mit der man mühelos ein Bullshit-Bingo der Scheinargumente gewinnt, die üblicherweise die Harmonie von Wissenschaft und Glauben begründen sollen.

Ich habe das Buch von Martin Rhonheimer nicht gelesen, sondern beziehe mich nur auf das, was Stefan Meetschen geschrieben hat. Standesgemäß beginnt es mit einem Dawkins-Bashing, das ohne Begründung auskommt und sprachlich unklar bleibt.

Auf der einen Seite findet man mitunter gläubige Menschen, welche den Schöpfungsbericht der Bibel geradezu fanatisch wörtlich nehmen, auf der anderen Seite Wissenschaftler wie zum Beispiel Richard Dawkins, die Einsichten Darwins zur Evolution und ihr eigenes Wort vom „Gotteswahn“ absolut setzen. Keine guten Voraussetzungen für einen fruchtbaren rationalen Dialog.

Weswegen kann man angeblich nicht mit Dawkins diskutieren? Weil er den Gotteswahn „absolut setzt“? Ich sage da mal nichts zu und zitiere xkcd.

Rhonheimers Position: „Das eigentlich Neue, das die biologische Evolution selbst niemals hervorzubringen imstande war, ist das Leben des Geistes. Es ist irreduzibel, nicht zurückführbar auf biologische Prozesse.“

Das Wort irreduzibel kennen wir aus dem Intelligent-Design-Kreationismus. Selbstverständlich ist der „Geist“ auf weniger ausgeprägte Vorläufer zurückführbar. Ein Einzeller, der dahin schwimmt, wo es am besten riecht, trifft schon „geistige“ Entscheidungen. Im Tierreich kommen alle möglichen Vorstufen von Intelligenz vor, und der Mensch hat auch Mitgefühl und Täuschung nicht exklusiv.

Das geistige Leben „entzieht sich dem Horizont jeglicher Naturwissenschaft, da es nicht der Natur entstammt, sondern ,von außen‘ – ab extrinseco – kommt, wohl aber das Stück Natur, welches der Mensch ist, zu etwas ganz Neuem, Einzigartigem formt: zur Krone der Schöpfung, zum geistbeseelten Lebewesen, …“. Eine rein materialistische Kategorisierung des Menschen, daran lässt Rhonheimer keinen Zweifel, sei dieser objektiven Wahrheit nicht angemessen.

Da ist wieder das Argument from incredulity, welches zum Fehlschluss führt, es käme etwas „von außen“ und nicht aus der Natur. Dieser Fehlschluss wird eine „objektive Wahrheit“. Und so jemand wirft Dawkins vor, seine Erkenntnisse „absolut“ zu setzen!

Die Ergebnisse der neueren neurobiologischen Forschung stünden dazu nicht im Widerspruch – was auch zukünftig nicht zu erwarten sei: Die Evolutionsbiologie wird „uns zunehmend ein Universum und eine Naturgeschichte des Lebens präsentieren, die uns mit immer größerer Plausibilität auf eine transzendente, schöpferische Intelligenz verweist und damit der zum Glauben führenden und diesen bestärkenden Vernunft zwar keine stringenten Beweise, aber doch immer bessere Argumente zu liefern vermag.“ Schließlich müsse die Evolution ein „Ziel“ haben, die Natur könne dies aber nicht kennen.

Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ macht Rhonheimer aus seinem Gott der Lücke eine zunehmende Sicherheit. Das Wort „transzendent“ liefert weitere Bullshit-Bingo-Punkte. Aus welchem Organ zieht Rhonheimer die Prämisse, die Evolution müsse ein „Ziel“ haben?

Martin Rhonheimer lässt in seinem Buch keinen Zweifel daran, dass er die Philosophie für die entscheidende „Vermittlungsinstanz zwischen Naturwissenschaft und Religion“ hält. Dementsprechend stellt er nicht nur die Evolutionstheorie und „Irrwege der Evolutionskritik“, also Kreationismus und Intelligent Design, systematisch vor – gestützt auf Aristoteles, Thomas von Aquin und Immanuel Kant, also die Klassiker der „philosophischen Anthropologie und Gotteslehre“ …

Oben lieh er sich das Wort „irreduzibel“ aus dem Intelligent Design, dann meinte er, die Natur verweise auf eine schöpferische „Intelligenz“, und nun soll Intelligent Design ein Irrweg sein? Sie baden gerade Ihre Hände darin! So interessant es auch wäre, zu lesen, was Philosophen, die lange vor Darwin lebten, zu Evolution und Kreationismus beizutragen haben – ich werde mir das Buch nicht kaufen.

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