Newton, Platon, Kant

Darwin made it possible to become an intellectually fulfilled atheist.
Richard Dawkins, The Blind Watchmaker, 1986

Bevor die Abstammung des Menschen von anderen Tieren und die Mechanismen der Evolution bekannt waren, glaubten auch die größten Denker an Gott. Das taten sie natürlich nicht nur, weil sie sich die Welt nicht anders erklären konnten, sondern auch wegen des religiösen gesellschaftlichen Umfelds, dem sie von Kindheit an ausgesetzt waren.

Isaac Newton (1643-1727) war bekanntlich ein gläubiger Christ mit großem Interesse an Physik, Alchemie und Theologie. Allerdings neigte er dem Arianismus zu und lehnte die Trinität ab, also den Glauben an Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er fand sogar heraus, dass mindestens zwei Bibelstellen in der King-James-Übersetzung zugunsten der Trinität gefälscht waren (was natürlich Muslime erfreut). Eine davon ist das sogenannte Comma Johanneum.

King James Version, 1.John 5:
6 This is he that came by water and blood, even Jesus Christ; not by water only, but by water and blood. And it is the Spirit that beareth witness, because the Spirit is truth. 7 For there are three that bear record in heaven, the Father, the Word, and the Holy Ghost: and these three are one. 8 And there are three that bear witness in earth, the spirit, and the water, and the blood: and these three agree in one.

Lutherbibel 2017, 1. Johannesbrief:
6 Dieser ist’s, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist’s, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind, die das bezeugen: 8 der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen überein.

Newton scheint aber nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass schon die ursprünglichen Autoren des Neuen Testaments Texte erdachten, um ihre Ideen zu verbreiten, und nicht etwa die Taten und Aussprüche Jesu dokumentierten. Zudem benötigte Newton Gott auch noch in der Physik:

Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des Weltalls kann nur nach dem Plane eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein. Das ist und bleibt meine letzte und höchste Erkenntnis. (Quelle)

Florian Freistetter hat mal ein Beispiel ausgearbeitet: Bentleys Gravitations-Paradoxie. Wenn alle Sterne einander anziehen, müssten sie dann nicht aufeinander zu stürzen? Newtons Antwort darauf war, dass Gott das verhindert. Florians Schlusswort:

Unser besseres Verständnis vom Universum hat Bentleys Paradoxie also aufgelöst und Newton müsste mit dem heutigen Wissen keinen “Gott” mehr ins Feld führen, der sich ständig darum kümmert, dass die Naturgesetze korrekt ablaufen…

Der Bogen von Newton zu Platon ist nicht schwer zu schlagen. Newton selbst schrieb:

Now the term logos before St John wrote, was generally used in the sense of the Platonists, when applied to an intelligent being and the Arians understood it in the same sense, and therefore theirs is the true sense of St John.

Die Arianer haben den Begriff Logos also so verstanden wie die Platoniker, nämlich richtig, im Gegensatz zur Kirche. Ein Zeitgenosse Newtons, Matthieu Souverain (1656-1700), sah das ähnlich. Jan Rohls fasst es so zusammen:

Erst durch den Einfluss des Platonismus kam es zur Ausbildung der Lehre vom Logos und der Trinität.

Platon (427–347 v. Chr.), der vierhundert Jahre vor Jesus lebte (falls Jesus überhaupt gelebt hat) soll also das Christentum geprägt haben? Glaubten die Alten Griechen denn nicht an Zeus, Athene, Hermes und Aphrodite? Tatsächlich war Platons Gott dem aus dem Neuen Testament ähnlicher als der Gott des Alten Testaments. Überhaupt ist das Neue Testament nicht nur sprachlich sehr hellenistisch. Richard Carrier spricht vom einen Synkretismus.

Platons Euthyphron-Dilemma ist als aufgeklärte Relegionskritik bekannt und beliebt, aber der langatmige Dialog geht mir nicht weit genug. Ich zitiere stark verkürzt die Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.

EUTHYPHRON: Was also den Göttern lieb ist, ist fromm; was nicht lieb, ruchlos.
SOKRATES: Dasselbige aber, wie du sagst, halten die einen für gerecht, die andern für ungerecht, welcher Uneinigkeit halber sie sich eben in Zwietracht und Krieg untereinander befinden. Ist es nicht so?
EUTHYPHRON: Ich möchte allerdings behaupten, das sei das Fromme, was alle Götter lieben, und gegenteils, was alle Götter hassen, sei ruchlos.
SOKRATES: Also weil es fromm ist, deshalb wird es geliebt, und nicht weil es geliebt wird, deshalb ist es fromm.
EUTHYPHRON: So scheint es.
SOKRATES: Das Gottgefällige hingegen ist doch deswegen, weil es von den Göttern geliebt wird, das Geliebte und Gottgefällige.

Wieso fragt Sokrates nicht: „Woher wissen wir, was alle Götter wollen?“
Wo bleibt die naheliegende Frage: „Wenn die Götter Mord befürworten, wäre Mord dann gut?“

Platon wollte mit dem Euthyphron-Dialog bestimmt nicht das sagen, was wir heute darin sehen, nämlich: „Wenn das Gute auch ohne die Götter gut ist, können wir die Götter doch weglassen“, sondern vertrat das Gegenteil, worauf Paul Schulz in seinem Buch CODEX ATHEOS hinweist:

Platon setzt als erster rücksichtslos verallgemeinernd „ohne Gott = ohne Glauben = ohne Moral“. Folglich ist ihm der Atheist der unmoralischste Mensch überhaupt. Platon spricht einem Menschen ohne Gott also jede ethische Verantwortungsfähigkeit ab. Ihm fehle der sittliche Halt, der allein zu sittlichem Handeln befähige.

Platon ist – gegen die Atheisten – der Erfinder der Gehirnwäsche. Der Gottlose muss vom Staat in Inquisitionshaft genommen werden, völlig isoliert in einem Besserungshaus. Platon sieht ein Gesetz vor, nach dem der Dissident mindestens fünf Jahre lang einer Gehirnwäsche unterzogen wird, bis er seiner Gesinnung abgeschworen hat und mit der vollen Anerkennung der ideellen Welt gesellschaftsfähig ist.

Immanuel Kant (1724–1804) hat sich um die Widerlegung der Gottesbeweise verdient gemacht. Wikipedia:

Die neuzeitliche Einschätzung von Gottesbeweisen beruht weitgehend auf der grundsätzlichen Kritik durch Immanuel Kant. In seiner Kritik der reinen Vernunft beschränkt er mögliche Erkenntnisse über Sachverhalte auf den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren. Die klassischen Gottesbeweise sind demnach nicht schlüssig.

Aber er bezeichnete das Dasein Gottes als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft.

Es ist moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen.

Kritik der reinen Vernunft:

Denn da ist es schlechterdings notwendig, dass etwas geschehen muss, nämlich dass ich dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist mir unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesammten Zwecken zusammenhängt und dadurch praktische Gültigkeit habe, nämlich dass ein Gott und eine künftige Welt sei, ich weiß auch ganz gewiss, dass niemand andere Bedingungen kenne, die auf die selbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führen. Da aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie denn die Vernunft gebietet, dass sie es sein soll), so werde ich unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein künftiges Leben glauben und bin sicher, dass diesen Glauben nichts wankend machen könne, weil dadurch sittliche Grundsätze selbst umgestürzt werden würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen verabscheuungswürdig zu sein

War diese Sprache eigentlich zu Lebzeiten Kants verständlich? Ich lese daraus: Es wäre schön blöd, sich moralisch zu verhalten, wenn es dafür keine Belohnung im Jenseits gibt. Da Kant sich aber moralisch verhalten will, folgt, dass es Gott gibt. Und er „weiß auch ganz gewiss“, dass es keinen anderen Grund für soziales Verhalten gibt. Ich würde Kant gerne fragen, warum die Vögel ihre Jungen füttern. Erwarten die auch eine göttliche Belohnung?

Das heißt: der Glaube an einen Gott und eine andere Welt ist mit einer moralischen Gesinnung so verwebt, dass, so wenig ich Gefahr laufe, die letztere einzubüßen, eben so wenig besorge ich, dass mir der erste jemals entrissen werden könne.

Bei Kant und bei Platon liegt also dieselbe Fehleinschätzung vor, die sich durch die Kenntnis der Evolution vermeiden ließe. Die Philosophen haben gewiss unsere Kultur und Bildung vorangebracht, aber sie taugen heute nicht als Autoritäten, weil sie einen längst veralteten Zeitgeist in ihre Lehren einfließen ließen.

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