Der Fehlschluss von Sollen auf Sein

Gender Studies, Gender-Theorie, Gender Mainstreaming, Genderismus, Gender-Ideologie. Worum geht es dabei eigentlich?

Im Skeptiker, herausgegeben von der GWUP, hat Stephanie Dreyfürst das Buch Das Gender-Paradoxon von Ulrich Kutschera besprochen. Sie weist die Begriffe „Genderismus“ und  „Gender-Ideologie“ zurück und bezeichnet die „Gender Studies“ als

Untersuchungen zu tradierten Rollenvorstellungen.

Ulrich Kutschera, der als Biologe für dieses Thema natürlich nicht qualifiziert wäre, sieht das ganz anders. In einem auf YouTube veröffentlichten Interview beschwert er sich über

Die Gender-Ideologie, um es nochmal klar zu sagen: die These, das biologische Geschlecht sei gesellschaftlich determiniert

In den Kommentaren zu einem Scienceblogs-Beitrag von Joseph Kuhn bringt Dr. Günter Buchholz die Sache anders auf den Punkt.

Die ganze Gender-Diskussion dreht sich [um] nur einen Punkt: die Normalisierung der Homoerotik; ohne diesen Drehpunkt ist der Gender-Begriff überflüssig.

Dort in den Kommentaren wurde auch ein Beitrag von Andreas Müller bei RichardDawkins.net verlinkt, der eigentlich beim Feuerbringer selbst erschienen ist.

Die Gender-Ideologie ist wie der Ökologismus und die Identitätspolitik eine neo-marxistische Ideologie, deren Ziel die Zerstörung der bürgerlichen, freien Gesellschaft ist. Darum geht es – und der Rest sind nur Fußnoten.

Ich habe mich auf die Suche nach Belegen für die Anschuldigung gemacht, die Kutschera gegen die Gender Studies erhebt, und mir wurde die Bundeszentrale für politische Bildung nahegelegt. Dort schreibt Carolin Küppers von der Ludwig-Maximilians-Universität München:

Die Biologie stellt also kein eindeutiges, objektives Kriterium bereit, das die Geschlechterdifferenz jenseits der sozialen Kontexte ihrer „Entdeckung“ festmachen kann.

So kann auch Geschlecht keine ontologische Tatsache, keine vordiskursive Gegebenheit sein, sondern muss als Effekt von Diskursen verstanden werden. Das heißt nicht, dass es das Phänomen ohne den Begriff nicht gäbe. Es gibt keine Bezugnahme auf einen reinen Geschlechtskörper, die nicht zugleich eine Formierung dieses Körpers wäre. Somit ist das biologische Geschlecht kein körperlich gegebenes, das dem sozialen Geschlecht auferlegt wird, sondern eine kulturelle Norm, welche die Materialisierung von Körpern regiert.

Ich glaube also Ulrich Kutschera, dass die Gender Studies übers Ziel hinausgeschossen sind und an den Universitäten Vorgaben machen, die ein Biologieprofessor nicht hinnehmen kann.

Aber inwiefern bringt es den Feminismus voran, wenn man die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau leugnet? Warum muss man auf die 0,3 Prozent der Menschheit hinweisen, die nicht ganz Mann oder ganz Frau sind, wenn man Untersuchungen zu tradierten Rollenvorstellungen betriebt?

In der Fragerunde zum Kutschera-Vortrag am 19.12.2016 in Hamburg präsentierte Volker Dittmar eine einleuchtende Erklärung. Es handelt sich um einen umgekehrt angewandten Fehlschluss von Sein auf Sollen. Ein typisches Beispiel für diesen Denkfehler ist „Homosexualität ist unnatürlich, also ist sie schlecht“. Die naheliegende Antwort darauf ist „es gibt auch schwule Pinguine“. Die richtige Antwort wäre aber „nur weil etwas in der Natur nicht vorkommt, muss es nicht böse sein“.

Wenn es keine Unterschiede zwischen Mann oder ganz Frau gibt, gibt es auch keinen Grund, Frauen zu benachteiligen – also lasst uns die Unterschiede leugnen. Man kennt diesen Denkfehler auch in einem anderen Zusammenhang: Wenn es keine Menschenrassen gibt, hat der Rassismus keine Grundlage. Stephanie Dreyfürst zitiert Ulrich Kutschera:

Die Evolutionsforschung hat den Rassismus als politische Ideologie entlarvt, der jegliche biologische Grundlage fehlt.

So sehr interessiert mich das nun doch nicht, dass ich mir das Buch kaufen würde, bloß um zu sehen, ob Kutschera darin selbst einen Fehlschluss begeht, ganz ähnlich dem seiner Gegnerinnen.

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