Sensus divinitatis und Ontologie

It depends on what the meaning of the word „is“ is
Bill Clinton

Unter dem hochgestochenen Titel liste ich mal wieder einige Zitate auf, die mich in der vergangenen Woche besonders geärgert haben. Ihnen ist gemeinsam, dass nicht der Schöpfergott des Alten Testaments, sondern ein modernes Gottesbild vermittelt wird, das in der Beziehung des Menschen zu Gott verankert ist.

Evangelisch.de berichtet über eine Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bei der Eröffnung der Lessingtage im Hamburger Thalia-Theater:

Anders als die Politik handele Religion von Wahrheiten, die nicht durch Mehrheitsbeschluss entschieden werden könnten, sagte der Bundestagspräsident. Damit eine Gesellschaft diese unterschiedlichen Wahrheitsansprüche aushalte, sei echte Toleranz notwendig. „Toleranz ist der große Bruder der Freiheit.“ Sie sei mehr als Kenntnisnahme oder Duldung des Andersartigen. Entscheidend sei die Bereitschaft, den anderen zu verstehen. Lammert: „Wenn es einen Gott gibt, dann haben wir alle denselben.“

Die Verwendung des Wortes „Wahrheit“ ist deplaziert. Es passt weder zum Ergebnis von Abstimmungen noch zu Glaubensinhalten. Mit seiner Vermutung, dass wir denselben Gott „haben“, begibt sich Lammert in die Gehirnwindungen der Gläubigen. Wenn Shiva, Thor und Allah derselbe sein sollen, dann wohl nur nach der Definition „Gott ist das, woran die Gläubigen glauben.“

Albert Reiner ist vom Atheisten zum Priester geworden, berichtet die Erzdiözese Wien:

„Der Glaube ist eine Frage der Wahrheit und nicht der schönen Gefühle. Die schönen Gefühle, die können dazu kommen, die können eine Stütze sein, ein Hilfsmittel, um ein paar Schritte gehen zu können. Aber im Endeffekt ist es die Frage: Stimmt das? Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Hat der irgendwas mit uns Menschen zu tun?“

Wieder das Wort „Wahrheit“, aber zur Klärung der Frage „Gibt es Gott oder gibt es ihn nicht“ werden nicht Definitionen und Evidenz herangezogen, sondern bestenfalls Beobachtungen des eigenen Denkens. Dort entdeckt Herr Reiner einen Sensus divinitatitis. Angenommen, er hat im Dunkeln Angst vor Geistern. Würde er daraus folgern, dass es Geister gibt?

Im Deutschlandfunk zitiert Christina Aus der Au, Präsidentin des Evangelischen Kirchentages, Dietrich Bonhoeffer:

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Wenn man von Gott sagt, es gibt ihn, dann hat man gerade nicht Gott getroffen. Gott ist im Person-Bezug und das Sein ist sein Person-Sein. Es gibt Dinge! Und Bonhoeffer sagt: Gott ist Person. Und Personen in ihrer Beziehungsfähigkeit gibt es nicht wie ein Objekt.“

Wegen dieser Sichtweise habe ich dem Artikel das Wort Ontologie und das Clinton-Zitat vorangestellt. Die Kirchentagspräsidentin sagt, dass es Gott nur in den Köpfen der Gläubigen gibt, wo sie ihre Beziehungen leben. Peter Sloterdijk würde nun einwenden, dass das Wörtchen „nur“ hier die Wirklichkeitszone Psyche zu sehr abwertet.

Der Gott der Lücke hat sich dorthin zurückgezogen, wo ihn auch die militantesten Atheisten nicht mehr vertreiben können: ins Zwischenmenschliche. Gott hat demnach nicht die Welt erschaffen und schickt keine Naturkatastrophen.

Ob der Durchschnittsgläubige damit einverstanden ist? Die jungfräuliche Geburt wird von Theologen nicht als biologische, sondern als theologische „Wahrheit“ angesehen. Nun hat eine Nonne das in Spanien gesagt und erhält Morddrohungen. Der zuständige Bischof steht nicht auf der Seite der Theologen, sondern sagt, „dass diese Bemerkungen nicht mit dem Glauben der Kirche konform gehen.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Religion abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s