Christus bei Flavius Josephus

Bei n-tv.de wurde zu Weihnachten gefragt: „Hat Jesus tatsächlich existiert?“
Die positive Antwort von Fabian Maysenhölder stützt sich auf …

Überlieferungen, die eine historische Person Jesus erwähnen: allen voran Flavius Josephus, ein jüdischer Geschichtsschreiber aus dem 1. Jahrhundert. Er erwähnt Jesus an zwei Stellen. Eine der beiden ist umstritten und könnte möglicherweise im Laufe der Überlieferung verfälscht worden sein, enthält aber aller Wahrscheinlichkeit nach einen historischen Kern. Die zweite schätzen Historiker fast einstimmig als echt ein.

Das ist stark beschönigend ausgedrückt. Tatsächlich ist die erste, das sogenannte Testimonium Flavianum, mit großer Sicherheit gefälscht. Darin heißt es über Jesus: „Dieser war der Christus“, und er sei von den Toten auferstanden. Das hätte der Jude Josephus wohl kaum geschrieben. Zudem berichtete Origines (185-254), dass Flavius Josephus Jesus nicht als Messias anerkannt hatte, und nachdem Eusebius (ungefähr 260-340) dieselbe Bibliothek übernommen hatte, sieht es plötzlich ganz anders aus.

Eine andere Überlieferung des Textes erwähnt nur, dass die Anhänger von Jesus ihn für den Messias halten und an seine Auferstehung glauben. Aber dieser Text sieht eher nach einer Entschärfung der offensichlichen Fälschung aus als nach dem Original.

Texte, die immer wieder abgeschrieben wurden, können auch ohne bösen Willen ergänzt oder „verbessert“ worden sein. Die Tendenz, alles, was einigermaßen plausibel erscheint, als original zu akzeptieren, ist ebenso leichtgläubig, wie in den Evangelien oder in der Biografie Mohammeds alles, was nicht direkt unmöglich ist, als historisch anzunehmen.

So gesehen sind die Schriften des Flavius Josephus grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt, dass er, 37 geboren, nicht wirklich ein Zeitgenosse von Jesus war, wohl aber von Jakobus, dessen Bruder, wobei „Bruder“ auch „Bruder im Geiste“ also Angehöriger der Sekte, bedeuten kann (siehe unten im Origines-Zitat). Dann haben wir in der zweiten Erwähnung bei Flavius Josephus (Altertümer 20, 9.1) weniger einen Nachweis für Jesus als für die Existenz der frühen Christen:

Der jüngere Ananus jedoch, dessen Ernennung zum Hohepriester ich [Origines] soeben erwähnt habe, war von heftiger und verwegener Gemütsart und gehörte zur Sekte der Sadduzäer, die, wie schon früher bemerkt, im Gerichte härter und liebloser sind als alle anderen Juden. Zur Befriedigung dieser seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus auch jetzt, da Festus gestorben, Albinus aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben. Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor dasselbe den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ.

Über diese Stelle schrieb John Eleazer Remsburg 1909:

This passage is probably genuine with the exception of the clause, „who was called Christ“, which is undoubtedly an interpolation, and is generally regarded as such. Nearly all the authorities that I have quoted reject it.

Da haben wir also Aussage gegen Aussage. Maysenhölder, den ich nicht deswegen zitiere, weil er besonders wichtig, sondern weil er besonders typisch ist, sieht fast alle Historiker auf seiner Seite, und Remsburg, auch keine besondere Autorität, sieht sie auf der Gegenseite. Mathematisch gesehen haben beide recht, denn fast alle bedeutet alle außer endlich viele.

Abgesehen von grundsätzlichen Problemen mit oft kopierten Büchern gibt es folgende Unstimmigkeiten:

  1.  Todesjahr und -ursache des Jakobus weichen von anderen Darstellungen ab.
  2.  Origines schreibt, es würde dort eine Verbindung zwischen der Hinrichtung des Jakobus und der Zerstörung Jerusalems hergestellt, die eigentlich bei Hegesippus steht.
  3.  Flavius Josephus stellt Jakobus als Bruder von „Jesus, genannt Christus“ vor, ohne Jesus vorher je erwähnt zu haben.

1. Der Jesus-Bruder Jakobus (Jakobus der Gerechte, James the Just) leitete laut traditioneller kirchlicher Darstellung die christliche Gemeinde in Jerusalem. Er wurde im Jahr 69 vom Tempel gestürzt und, nachdem er das überlebte, auch noch gesteinigt und erschlagen. Bei Flavius Josephus ist zu lesen, dass er im Jahr 62 gesteinigt wurde. Wikipedia:

Josephus‘ account places the date of the death of James as AD 62. […] However, James‘ successor as leader of the Jerusalem church, Simeon, is not, in tradition, appointed till after the siege of Jerusalem in AD 70, and Eusebius‘ notice of Simeon implies a date for the death of James immediately before the siege, i.e. about AD 69. The method of death of James is not mentioned in the New Testament. However, the account of Josephus differs from that of later works by Hegesippus, Clement of Alexandria, and Origen, and Eusebius of Caesarea that it simply has James stoned while the others have other variations such as having James thrown from the top of the Temple, stoned, and finally beaten to death by a fuller as well as his death occurring during the siege of Jerusalem in AD 69.

2.   Origines über Flavius Josephus (Contra Celsum):

Und wenn auch dieser selbe Schriftsteller Jesus nicht als Messias anerkennt und bei der Untersuchung der Ursache des Falls von Jerusalem und der Zerstörung des Tempels hätte sagen müssen, dass die Feindschaft gegen Jesus dieses Unheil über das Volk gebracht habe, da sie den geweissagten Messias getötet hatten: so kommt er doch, wenn auch wider Willen, der Wahrheit ziemlich nahe, wenn er sagt, diese Dinge seien über die Juden gekommen zur Sühne für Jakobus, den Gerechten, der „ein Bruder des Christus genannten Jesus“ war, da sie diesen so gerechten Mann getötet hatten. Von diesem Jakobus erzählt Paulus, der wahre Jünger Jesu, er habe ihn gesehen als „einen Bruder des Herrn“, der diesen Namen nicht sowohl wegen ihrer Blutsverwandtschaft oder ihrer gemeinsamen Erziehung, als wegen des Charakters und Geistes verdiente. Wenn nun der genannte Schriftsteller sagt, wegen des Jakobus sei die Zerstörung Jerusalems über die Juden verhängt worden, ist es dann nicht vernünftiger zu behaupten, dies sei wegen Jesus, der der Messias war, geschehen?

Origines kritisiert, dass bei Flavius Josephus nicht etwa die Hinrichtung des Jesus zur Zerstörung Jerusalems geführt habe, sondern die des Jakobus. Das ist verwirrend, weil Flavius Josephus die Zerstörung Jerusalems gar nicht mit Jakobus in Verbindung bringt. Diese Geschichte muss Origines bei Hegesippus gelesen haben. Richard Carrier hat eine Arbeit darüber veröffentlicht, wie diese Verwirrung dazu führte, dass Origines und folgende Schreiber die Ergänzung „der Christus genannt wird“ hier einfügten. Die Geschichte des Hohepriesters Ananus geht damit weiter, dass er wegen der Hinrichtung des Jakobus kritisiert und abgesetzt wird. Als neuer Hoherpriester wird Jesus, Sohn des Damnaios eingesetzt. Richard Carrier und andere vermuten, dass Jakobus eigentlich der Bruder von diesem Jesus war.

3. Der historische Jesus kann ein unbedeutender Wanderprediger gewesen sein. Dann wäre zu verstehen, dass sein Wirken bei Flavius Josephus nicht thematisiert wird. Zum Problem wird dann allerdings, dass Flavius Josephus den Jakobus durch den Zusatz „Bruder des Jesus, genannt Christus“ identifiziert, ohne seinen Lesern diesen Jesus, jemals vorgestellt zu haben. Da stimmt mir sogar die christliche Seite Jesus.ch zu:

Der Bericht des Josephus ist deshalb besonders wichtig, weil er Jakobus den „Bruder Jesu, des so genannten Christus“, nennt. Dies geschieht in einer Weise, dass man annehmen muss, er habe Jesus bereits vorher einige Male erwähnt.

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