Auf dem Grund des Bechers wartet Gott

Häufig liest man im Internet dieses angebliche Heisenberg-Zitat:

Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.

oder

Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott.

In politikforen.net wusste es jemand ganz genau:

„Der erste Schluck aus dem Glas der Naturwissenschaft führt zum Atheismus. Aber auf dem Grund des Glases wartet Gott.“, schrieb besagter Werner Heisenberg im Dezember 1964, als Nobelpreisträger für Physik.

In Wikiquote meldete sich 2015 Dr. Eike Christian Hirsch zu Wort:

Der Spruch, der Werner Heisenberg (1901-1976) zugeschrieben wird, ist eine fromme Fälschung, die den berühmten Physiker zum Glaubenszeugen machen soll. Er hat aber weder so gedacht noch so ausgeprägt bildhaft formuliert.
[…]
Das Zitat, das ihm zugeschrieben wird, könnte von einem Fundamentalisten in den USA stammen, der eine Stütze des Glaubens fingieren wollte. Der Gedanke stammt jedenfalls aus der englischen Tradition, er findet sich zuerst in den „Essays Of Atheism“ von Francis Bacon (1601) und lautet: „A little philosophy inclineth man’s mind to atheism; but depth in philosophy bringeth men’s minds about to religion.“ […]
Dass die Fälschung aus dem Englischen stammt, zeigt sich auch daran, dass sie auf Deutsch in abweichenden Übersetzungen kursiert. Einen Fundort zu diesem weit verbreiteten, angeblichen Zitat hat noch niemand angeben können.

Dieser letzte Hinweis ist nicht ganz stichhaltig, denn es gibt auch auf Englisch unterschiedliche Versionen:

The first gulp from the glass of natural sciences will turn you into an atheist, but at the bottom of the glass God is waiting for you.

The first sip from the cup of natural science makes one an atheist, but at the bottom of the cup, God awaits.

Gerade bei den englischsprachigen Zitaten wird oft diese Quelle genannt.

Hildebrand, Ulrich. 1988. „Das Universum – Hinweis auf Gott?“, in Ethos (die Zeitschrift für die ganze Familie), No. 10, Oktober. Berneck, Schweiz: Schwengeler Verlag AG.

Ich habe einfach mal eine Mail an den Verlag geschickt mit der Frage, ob das Zitat wirklich in der Zeitschrift steht und ob eine Quelle angegeben ist, und ich habe sogar eine Antwort bekommen.

Ja, es ist richtig, dieses Zitat wurde in «ethos» veröffentlicht.

Die Suche bei Google Books förderte noch ältere Erwähnungen zutage. Max Thürkauf bringt das Zitat in Die moderne Naturwissenschaft und ihre soziale Heilslehre–der Marxismus (1980) und Endzeit des Marxismus (1987) jeweils mit der Quellenangabe Wolfgang Kuhn Das Eichhörnchen und der liebe Gott (1979).

Weil nicht zu sehen war, ob Kuhn eine Quelle angibt, bestellte ich mir für 1,22 Euro (plus 3 Euro Versand) Das Eichhörnchen und der liebe Gott, welches sich als dümmliches Intelligent-Design-Machwerk entpuppte.

Wolfgang Kuhn stellt eine hochkomplexe Lebensform nach der anderen vor und fragt jedesmal: „Und das soll allein durch Zufall entstanden sein?“ oder  „Und das soll allein durch Auslese entstanden sein?“. Dass Evolution ein Zusammenspiel von Zufall und Auslese ist, kommt dem Biologieprofessor nicht in den Sinn.

Das Heisenberg-Zitat, ohne Angabe einer Quelle, lautet bei Kuhn:

„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott.“ Werner Heisenberg, Nobelpreisträger

Dann versuchte ich bei Google diese Kombination von Suchbegriffen: „wolfgang kuhn“ „werner heisenberg“ „wartet gott“, und fand ein PDF von Catholic-Church.org, in dem ein gewisser Dr. Ludwig Neidhart folgendes geschrieben hat:

So sagt Francis Bacon: „Ein wenig Philosophie“ mache den Geist des Menschen dem Atheismus geneigt, aber „die Tiefe der Philosophie“ führe ihn zur Religion zurück (wobei zu seiner Zeit Naturwissenschaften zur Philosophie dazugehörten).46 Ähnlich C.F. v. Weizsäcker: „Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott“.47
[…]
47 Vgl. diverse Internetquellen sowie C.F. v. Weizsäcker, Die Geschichte der Natur. Zwölf Vorlesungen, Göttingen 1948, 9. Auf. 1979, S. 117.

Diese Quelle ist bei Google recht vollständig zu finden: Carl Friedrich Weizsäcker (Freiherr von): Die Geschichte der Natur: Zwölf Vorlesungen, S. Hirzel, 1948 – 138 Seiten. Das Zitat im Zusammenhang (merkwürdigerweise auf Seite 152 von 138):

Aus dem Denken gibt es keinen ehrlichen Rückweg in einen naiven Glauben. Nach einem alten Satz trennt uns der erste Schluck aus dem Becher der Erkenntnis von Gott, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott auf den, der ihn sucht. Wenn es so ist, dann gibt es einen Weg des Denkens, der vorwärts zu religiösen Wahrheiten führt, und nur diesen Weg zu suchen ist lohnend. Wenn es nicht so ist, wird unsere Welt auf die Religion ihre Hoffnungen vergeblich setzen.

In der Ausgabe von 1958 steht abschwächend „der vorwärts zur Fähigkeit führt, religiöse Wahrheiten aufzufassen„. Dieser Text scheint auch in der 1979er Auflage zu stehen, jedenfalls wird er hier so zitiert

Damit ist immer noch nicht klar, ob Heisenberg, der ein guter Bekannter C.F. v. Weizsäckers war, den Ausspruch getan hat. Klar ist, dass er ohne Prüfung der Quellen immer wieder abgeschrieben wird. Klar ist auch, was die Zitierenden damit bezwecken. Sie möchten eine Autorität vorführen, die ihre Sache vertritt und auch von der Gegenseite, also den Atheisten, akzeptiert wird.

Eine Autorität ist freilich kein Argument im strengen Sinn, und erst recht kein Teil einer lückenlosen Beweisführung. Andererseits gebe ich zu, dass ich einen Konsens unter Wissenschaftlern zur Meinungsbildung akzeptiere, wenn ich die Daten nicht selbst überprüfen kann.

Wenn Heisenberg den „alten Satz“, den er von einem Bekannten aufgeschnappt hat, zur Charakterisierung seiner eigenen Überzeugung verwendet haben sollte, bedeutet das aber nicht, dass am Grund des Bechers Jahwe auf die Gelegenheit wartet, dem Wissenschaftler den Gebrauch von Kondomen zu verbieten, oder ihn umzubringen, weil er schwul ist oder am Sabbat Holz gesammelt hat. Bei Heisenberg ist Gott, ähnlich wie bei Einstein, die Ordnung in der Natur und keine Person.

Dieser Gott am Boden des Bechers erinnert stark an den Gott der Lücke. Zeus wohnte noch auf dem Berg Olymp und schleuderte Blitze. Heute vermutet man auf Berggipfeln und hinter Blitzen keine Götter mehr. Man hat den Himmel beobachtet, und er ist nicht in sieben Schichten angeordnet, und es fliegen dort keine Engel umher. Man weiß auch, dass die Planeten nicht vom unbewegten Beweger in Bewegung gehalten werden. Gott gibt sich nicht einmal durch die Umsetzung von Gebeten zu erkennen.

Die Heisenberg-Zitierer haben offenbar nie den ersten Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft getrunken und nie den „naiven Glauben“ verlassen, denn sonst wären sie ja Atheisten. Und wenn sie bis zum Boden des Bechers vorgedrungen sein sollten, dann müssten sie doch in der Lage sein, mit logischen Argumenten zu kommen und nicht nur mit Zitaten ohne Quellennachweis.

 

 

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